Bildungsminister ist er jetzt auch noch. Cem Özdemir, Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft und seit neuestem auch Spitzenkandidat der Grünen für die baden-württembergische Landtagswahl 2026, sammelt gerade Ämter. Die beiden Ministerhüte muß er bald wieder abgeben. Seinen großen Traum, Hausherr in der Stuttgarter Villa Reitzenstein zu werden, kann er noch ein gutes Jahr länger träumen.
Es wäre der Höhepunkt einer Politikerlaufbahn voller Sprünge und Knicke: nach Winfried Kretschmann, dem ersten grünen Ministerpräsidenten, der erste Ministerpräsident türkischer Abstammung zu werden. In der Landespartei ist der Weg dafür frei. Der ambitionierte Finanzminister Danyal Bayaz, mit gleichem Migrationshintergrund, aber 17 Jahre jünger als der 58jährige Özdemir, schaut inzwischen mehr nach Berlin. Kretschmann wäre sogar bereit gewesen, mitten in seiner dritten und letzten Amtsperiode für einen Nachfolger Platz zu machen und ihm den Amtsbonus mitzugeben; der Juniorpartner CDU wollte dabei allerdings nicht mitmachen. Deren neuer Frontmann, der 36jährige Manuel Hagel, ist zwar ehrgeizig und gut vernetzt, aber noch ziemlich unbekannt. Dumm nur für Özdemir, daß die Südwest-CDU gerade dank Rückenwind aus Berlin mit zweistelligem Abstand vor den Grünen liegt. In den Ring steigen mußte Özdemir trotzdem, zu lange schon schielt er auf den Posten, und um das Stuttgarter Direktmandat wollen sich andere bewerben. Die Aufholjagd ist, „Migranten-Bonus“ hin oder her, kaum zu gewinnen.
Vor dreißig Jahren wurde Cem Özdemir, in der alten Herzogsresidenz Bad Urach geborener Sohn türkischer Gastarbeiter, einer der ersten Bundestagsabgeordneten mit solcher Herkunft, 2021 der erste Bundesminister. Özdemir gibt sich mit wohltönendem Prediger-Bariton gern volksnah als „anatolischer Schwabe“. Bei Gegenwind platzen unter dem dünnen Firniß der Inszenierung freilich rasch Eitelkeit, Arroganz und ein leicht zu kränkendes Ego hervor, die ihm ein ums andere Mal im Wege stehen. Respektlose Passanten bekommen schnell ein „Fresse halten“ zu hören, protestierende Bauern kanzelt er auch mal als „Rassisten“ ab, und wie so viele Grüne prozessiert Özdemir gern gegen aufmüpfige Bürger. Im Agrarministerium war der gelernte Sozialpädagoge als grüner Verbots- und Vorschriftenpolitiker ganz in seinem Element. Reihum brachte Özdemir Bauern, Forstwirte, Jäger, Lebensmittelproduzenten und Normalbürger mit Regulierungswut und wilden Strafandrohungen gegen sich auf. Nicht mal für die Ministeriumskantine konnte er einen Pächter finden, der seinen kleinkarierten Auflagenkatalog erfüllen mochte.
Für seine Landesvater-Ambitionen macht Özdemir Lockerungsübungen außerhalb der Parteilinie und fordert etwa eine andere Migrationspolitik, nachdem die eigene Tochter schlechte Erfahrungen mit übergriffigen „kleinen Paschas“ gemacht hat. Aus seiner grünen Haut heraus kann er trotzdem nicht. Ob es im Frühjahr 2026 wieder Grün-Schwarz heißt oder doch Schwarz-Grün, demnächst wird Cem Özdemir samt Fahrrad aus dem Kreuzberger Grünen-Biotop wohl wieder in den Südwesten umziehen müssen.