Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk hat sich mit Büchern zur DDR- und Post-DDR-Geschichte Anerkennung verschafft. Mit seinem eben erschienenen Bestseller „Freiheitsschock. Eine andere Geschichte Ostdeutschlands von 1989 bis heute“ ist er jetzt zur öffentlichen Figur geworden, zum Erklärer der Dissidenz des „dunkeldeutschen“ Ostens, wo die Altparteien abschmelzen und die Migrations-, die Rußland- und Ukraine-Politik der Regierung offen abgelehnt wird. Kowalczuk erklärt: Die Ostdeutschen hätten die ihnen 1989 zugefallene Freiheit gar nicht gewollt und als Zumutung empfunden. Aus der Schockstarre erwacht, sehnten sie sich jetzt nach dem starken, sorgenden, bevormundenden Staat zurück, den der Mauerfall ihnen raubte.
In Interviews, Artikeln, in Podiumsdiskussionen und auf Twitter führt er einen Mehrfrontenkrieg gegen angebliche Freiheitsfeinde, Putinknechte, Demokratieverächter, gegen die Faschisten der AfD und die Kommunisten der Wagenknecht-Partei. Die östlichen Ausbruchsversuche aus dem Diskurskorsett und den Meinungskorridoren der Bundesrepublik sind für ihn lediglich Zeichen psychischer Störungen, emotionaler Defekte und intellektueller Defizite, die dem düsteren Erbe der DDR entstammen. So bedient er zum gegenseitigen Nutzen die Narrative des westdominierten Politik- und Medienbetriebs, der sich glücklich schätzt, in Kowalczuk einen Kronzeugen mit waschechter Ostbiographie gefunden zu haben.
Prägt Kowalczuks eigene Diktaturschädigung sein abfälliges Urteil über seine früheren DDR-Mitinsassen?
Kowalczuk, geboren 1967 in Ost-Berlin, ist sicher, daß in der Diktatur aufgewachsene Menschen dauerhaft geschädigt sind. Um dies zu beglaubigen und Widerspruch zu entkräften, beruft er sich auf seine „schrecklichen Erfahrungen“ in der DDR, ohne als Beobachter seiner selbst zu reflektieren, ob und inwieweit sein abfälliges Urteil über die DDR-Mitinsassen von eigenen Verletzungen und Ressentiments geprägt ist.
Sein familiärer Hintergrund war selbst für DDR-Verhältnisse außerordentlich. Der Vater konvertierte vom Katholizismus zum strammen Kommunisten und spitzelte zeitweilig als Stasi-IM. Seine Mutter marschierte 1979 mit dem Zwölfjährigen zum Wehrkreiskommando, um ihn als künftigen Offizier der NVA anzumelden. Als er mit 14 aus eigenem Entschluß seinen Rückzieher verkündete, schlugen Schule und Staat ihn in Acht und Bann; seine Eltern distanzierten sich von ihm. Erst nach dem Zusammenbruch der DDR konnte er ein Geschichtsstudium aufnehmen. Bis dahin arbeitete er unter anderem als Pförtner und zählte zum Aussteiger-Milieu aus Hilfsarbeitern, Freischaffenden und Lebenskünstlern, aus dem sich die Bürgerrechtler rekrutierten, die 1989 als Initiatoren der friedlichen Revolution gefeiert wurden, aber bald unter die Räder der sich überstürzenden Ereignisse gerieten. Die Tätigkeit in der Stasi-Unterlagenbehörde seit 2001 vertiefte seine Einblicke in politische und menschliche Abgründe.
Großvater Ilko Kowalczuk (1892–1934) ist ihm posthum zur familiären Bezugsperson geworden. Er hatte für eine unabhängige West-Ukraine gekämpft, war 1919 zum Tode verurteilt, doch kurz vor der Hinrichtung 1921 befreit worden. Heute betätigt der Enkel sich als bedingungsloser Anhänger Präsident Selenskiyjs. Auf ganz eigene Weise vereint Ilko-Sascha Kowalczuk in seiner Person das DDR-Erbe und die Konfusion des wiedervereinten Deutschland.