© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de 45/24 / 01. November 2024

JF-Intern
Gute Aussichten
Christian Vollradt

Es ist nicht immer angenehm, in der Redaktion der JUNGEN FREIHEIT zu denen zu gehören, deren Büro mit der Fensterfront zum Hohenzollerndamm liegt. Im Sommer knallt häufig die Sonne herein und heizt die Luft in den vier Wänden auf. Das Lüften wiederum wird durch den Umstand erschwert, daß dann der ungefilterte Verkehrslärm der vierspurigen Straße die Kommunikation mit den Kollegen nahezu verunmöglicht. Und jetzt im Herbst kommen noch die emsigen Laubbläser der Berliner Stadtreinigung auf dem Grünstreifen in der Fahrbahnmitte hinzu.

Doch hier sei nicht der Ort fürs Klagen, auch wenn Journalisten dies ja so gern tun (und dafür sogar bezahlt werden wollen). Denn es gibt Momente, da ist der Fenster-zur-Straße-Platz Gold wert. Erfahrene Kollegen bemerken sie frühzeitig, haben aus Erfahrung ein feines Gespür. Wenn das laute Rauschen der Autos, Laster und Busse auf einmal abgelöst wird vom charakteristischen Schnurren schnell heranrasender Polizeimotorräder – BMW-Boxer natürlich. Die Beamten auf dem Sattel sperren die benachbarten Seitenstraßen, verschaffen sich gelegentlich mit Trillerpfeife oder Lautsprecher Gehör. Und wenig später gleiten dann ganz leise und wie mit dem Lineal gezogen akkurat in V-Form ihre Kollegen, die „Weißen Mäuse“, heran, gefolgt von irgendeinem Staatsgast in Limousine mit Stander. Letztens war es Schwedens Kronpinzessin Victoria. Genau deswegen würde ein Herzensroyalist seinen Fensterplatz am Hohenzollerndamm nie hergeben.