© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de 45/24 / 01. November 2024

Mit Augenzwinkern
Kino: „Alter weißer Mann“ ist die erste umfassende Auseinandersetzung mit dem „Wokismus“ im deutschen Film
Dietmar Mehrens

Er wär’ so gerne Indianer, dann wär’ sein Leben idealer. Doch Heinz Hellmich (Jan Josef Liefers) darf seine von Jugenderinnerungen an die damalige „Winnetou“-Lektüre inspirierten Träume nicht leben. Er ist der Vertriebsleiter der Freifunk AG, eines Tech-Unternehmens, das streng auf die von der neuen deutschen Tugendwacht verordnete Dogmatik achtet, damit bei den Torwächtern der öffentlichen Meinung ja nichts anbrennt und am Ende womöglich das neue Produkt des Hauses durchfällt.

Doch dann – o weh – unterläuft dem dreifachen Vater bei einem Firmenempfang ein peinliches Versehen: Er spricht die neue Effizienzsteigerungsexpertin als Mitglied der Putzkolonne an, weil sie dem asiatischen Phänotyp (so lautet das faschofreie Wort für „Rasse“) entspricht, und bedient somit ein rassistisches Klischee. Was ein solcher Fauxpas auslösen kann, hat gerade sein Kollege im Club der „alten weißen Männer“, Thomas Gottschalk, erfahren. Wer keine Rücksicht auf die Befindlichkeiten, Bedürfnisse und Bescheuertheiten der Generation Schneeflocke nimmt, der befindet sich ganz schnell im Fadenkreuz der neuen deutschen Robespierres – die Funktion der Guillotine hat der „Schietsturm“ übernommen.

Lachen über „den allgemeinen Wahnsinn unserer Zeit“

Auch privat ist bei Hellmich nicht alles im grünen Bereich. Sein Vater, dargestellt von Friedrich von Thun, ist vergeßlich geworden. Schlimmer noch: Er hinterfragt ganz ungeniert die Maximen des Meinungs-imperialismus und maßt sich sogar respektlose Witze an: Müsse, fragt er frech, womöglich bald auch das Katzenklo mit drei Kabinen ausgestattet werden, um dem „woken“ Diktat gerecht zu werden?

Heinz wolle „partout kein alter weißer Mann sein“, erklärt Autor und Regisseur Simon Verhoeven seine Hauptfigur, sondern „alles ganz, ganz richtig machen, was zu witzigen Situationen führt, in einer Zeit, in der viele positive Veränderungen angestoßen wurden, die teils aber auch übertrieben sensibel, verwirrend und hysterisch geworden ist“. Prototypisch steht dafür Leni, die jüngere Tochter des Vertriebsleiters: Sie läßt keine sprachneurotische Überkorrektheit aus und hat damit ihre Mutter Carla (Nadja Uhl) zum wandelnden Etymologie-Wörterbuch gemacht. Mit Mühe und Not versucht Carla die schlimmsten Propagandalügen der Fallbeil-Fraktion durch sprachhistorische Klärungen zu entlarven – ein Kampf, so aussichtslos wie der von Thomas Gottschalk, seine Hand auf dem Knie von Spice Girl Geri Halliwell als rein dienstlich bedingt zu entschuldigen.

„Die ursprüngliche Bedeutung vom alten weißen Mann ist ja erst mal sehr negativ“, erläutert der Regisseur. „Jemand, der sich nicht selbstkritisch betrachtet, der nichts ändern will, der denkt, nur ihm gehört die Welt. Wir behandeln den Begriff aber mit einem großen Augenzwinkern.“

Als Dr. Steinhofer (Michael Maertens), der Vorsitzende des Unternehmensvorstands, Heinz zu einem Gespräch unter vier Augen bittet, glaubt der, sein letztes Stündlein auf der Karriereleiter der Freifunk AG habe geschlagen. Aber das erweist sich als Sturm im Wasserglas. Um die letzten Zweifel an seiner Person auszuräumen, haben Heinz und Carla schließlich eine geniale Idee: Sie laden die Schlüsselfiguren des Unternehmens zum Essen zu sich ein. Da muß jetzt aber wirklich alles stimmen!

Er habe Deutschland, vertreten durch seine unterschiedlichen Charaktere, „an einen Tisch“ und zum Lachen bringen wollen über „den allgemeinen Wahnsinn unserer Zeit“, sagt Simon Verhoeven. Außer dem totalitären Sprachjakobinismus behandelt er in seiner Komödie auch LGBT-Befindlichkeiten, Selbstoptimierungswahn, Internetsucht, künstliche Intelligenz und beginnende Demenz – etwas viel auf einmal. Um die vielen Pointen, für die diese Themen gut sind, zu verbinden, damit am Ende ein Film und keine Sketchparade daraus wird, hat der Sohn von Senta Berger und dem im April verstorbenen Filmemacher Michael Verhoeven (dem das Werk gewidmet ist) noch ein bißchen Spielfilmstoff um sein Grundanliegen herumgesponnen. Er läßt Heinz zu seiner erwachsenen Tochter Mavie fahren, die in Berlins linksautonomer Blase lebt. Hier lauern weitere lustige Abenteuer. Das mit dem Lachen klappt also, aber an einem Tisch sitzt Deutschland nur in der Phantasie des Regisseurs.

Kinostart ist am 31. Oktober 2024. Eine ausführliche Besprechung von „Alter weißer Mann“ finden Sie auf JF-Online.

Foto: Heinz Hellmich (Jan Josef Liefers, 2.v.r.): Er will partout kein alter weißer Mann sein