© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de 45/24 / 01. November 2024

Energieberatung aus dem Ukraine-Notkredit Schleswig-Holsteins
Vergeudung von Steuergeld
Dirk Meyer

Energieberater haben goldene Zeiten. Denn die Anträge auf staatliche Förderung zur energetischen Sanierung von Bestandsimmobilien sind an ein Gutachten von ihnen gebunden – das ebenfalls gefördert wird. De facto ähnelt diese Konstruktion einem Vertrag zugunsten Dritter. So auch in Schleswig-Holstein. Der Kunde zahlt hier für die Analyse eines Ein- oder Zweifamilienhauses pauschal 49 Euro. Der Landeszuschuß von 941 Euro stammt aus dem Ukraine-Notkredit dazu, was haushaltsrechtlich gegen das Urteil des Bundesverfassungsgerichts (2 BvF 1/22) verstoßen dürfte (sachliche und zeitliche Verschiebung von Kreditmitteln). Die Kieler Landesregierung hat so 2,4 Millionen Euro bereitgestellt. Das am 1. Juli begonnene Programm endet mit dem Verbrauch der Fördermittel, spätestens am 15. Dezember. Allein diese Zeitspanne erweckt den Eindruck einer „heißen Nadel“ – was der durchführende Organisator des Programms, der Verband Haus & Grund Schleswig-Holstein, auf Nachfrage auch bestätigt.

Stein des Anstoßes sind nicht die Verwaltungskosten von 510.000 Euro (21 Prozent der Fördersumme), die in das dreiköpfige Projektteam bei Haus & Grund fließen. Vielmehr ist es die vom Energieberaterverband GIH geäußerte Vermutung, daß das rein auf Ferndiagnose basierende Beratungsprodukt ,,Energetische Hausanalyse“ der Berliner Firma Fuchs & Eule der Individualität einer Immobilie in keiner Weise gerecht wird, dazu noch als überteuert erscheint. Zunächst muß der Kunde alle geforderten Daten „uploaden“: Grundriß mit Maßangaben (Außenmaß, Außenwanddicke, Maße von Fenstern & Türen), den Schnitt mit Maßen sowie Fotos der Außenansicht aller vier Seiten des Hauses. Optional werden weitere Dokumente angefragt, etwa der Außenwandaufbau, der Wärmeschutz der Fenster, der Dichtungsstand oder Dachaufbau. Zur Unterstützung der Datenaufnahme wird dem bautechnischen Laien die Vermittlung einer nicht geschulten Hilfskraft für zusätzlich 49 Euro angeboten.

Nach einem telefonischen Analysegespräch mit einem Fuchs & Eule-Mitarbeiter erstellt der Dienstleister ein 3D-Modell des Hauses und analysiert die Potentiale diverser Sanierungsmaßnahmen – alles per Software und digital. Ein abschließendes Telefonat mit einem „Energie-Effizienz-Experten“ klärt offene Fragen, so die Beschreibung. Fazit: Die schwarz-grüne Landesregierung hat ihre vermeintliche Schuldigkeit zur Erreichung der CO₂-Neutralität getan, den Kunden kostet es fast nichts und beruhigt sein Gewissen. Haus & Grund weitet sein Kompetenzspektrum auf Kosten der Landeskasse aus, und den Reibach macht ein Berliner Dienstleister.

Was hier nur nach einem finanziell begrenzten Schildbürgerstreich und einem Fall für den Landesrechnungshof aussieht, kommt – verallgemeinert für die Bundespolitik – Deutschland immens teuer zu stehen. Die scheinbare Entscheidungshilfe ist nicht nur dem privaten Hauseigentümer kaum nützlich. Sie kann, beruhend auf einer falschen Datenbasis, zu privaten Fehlentscheidungen führen. Und das trotz staatlicher Förderung durch die Förderbank KfW, die für entsprechende Sanierungen Zinssubventionen, Tilgungszuschüsse zwischen fünf und 45 Prozent sowie eine Kostenbeteiligung von bis zu 70 Prozent vorsieht. Hinzu kommt am Ende, daß die energetischen Sanierungen infolge falscher CO₂-Preise auch volkswirtschaftlich das politisch gesetzte Ziel zu teils völlig überhöhten Kosten erreichen – wenn überhaupt.