Einerseits predigen Gesundheitsapostel und Regierungsvertreter tagtäglich, kein Fleisch, keine Süßigkeiten, keinen Zucker zu essen und natürlich, aus Tier-, Klima- und Umweltschutzgründen, auch keine Milch zu trinken und keinen Käse zu essen. Doch wie ist es dann zu erklären, daß weltweit die Menschen immer dicker werden? Auch Deutschland platzt buchstäblich aus allen Nähten. Die Zahl der Übergewichtigen nimmt immer weiter zu. Dicksein ist in Deutschland keine Ausnahme mehr, sondern Normalzustand: 46,6 Prozent der Frauen und 60,5 Prozent der Männer sind betroffen.
Fast ein Fünftel der Erwachsenen weisen laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) sogar eine Adipositas auf. Der volkswirtschaftliche Schaden geht in die Milliarden. Was ist da los? Wie wird man dick? Und sind Dicke zu faul abzunehmen? Mit dem munteren Rat: Mach Sport und friß die Hälfte, ist ihnen nicht im geringsten geholfen. Denn das Übergewicht ist nur das sichtbare Zeichen dafür, woran sie wirklich leiden: Sie sind suchtkrank. Der JUNGEN FREIHEIT erzählt ein Betroffener sehr persönlich von seinem Kampf gegen die Fettleibigkeit und wie er ihn jeden Tag aufs neue ausfechten muß.
„Essen schüttet Glückshormone aus“
„Ich bin mit fünf Jahren fett geworden“, sagt der Mann. Die Bezeichnung „fett“ kommt ihm ganz einfach über die Lippen. Er ist verheiratet und Vater einer kleinen Tochter. Allerdings möchte er aus beruflichen Gründen anonym bleiben. „Alles begann mit der Geburt meines kleinen Bruders. Er hatte in den ersten zwei Jahren 14mal Lungenentzündung. Da blieb meinen Eltern nicht viel Zeit fürs andere Kind, also für mich.“ Doch ihm als Kind, so erzählt der 35jährige rückblickend, fehlt es an einer Bezugsperson, mit der er seine Erlebnisse teilen kann. „Da war keine Oma, kein Opa, da war niemand.“ Die Eltern schildert er als depressiv. Die Mutter habe ohne Neigung Jura studiert. Die Schwangerschaft mit ihm hätte sie als Exitstrategie eingesetzt, um aus dem ungeliebten Studium auszusteigen. Der Vater, der keinen Bezug zur Familie hatte und nur Geld verdiente, der schwer kranke Bruder, um den sich alle kümmerten.
„Essen schüttet Glückshormone aus, ich begann alles in mich reinzustopfen.“ Mit fünf Jahren ist das Kind innerhalb kürzester Zeit auffällig dick. Mit zwölf Jahren wiegt es 100 Kilo, mit 15 Jahren 120, da lebt er schon in einem Internat, „doch gefressen wird weiter“. Seine Eltern, so sagt er, seien nicht an ihm, sondern wenn überhaupt an der Symptomatik seiner Fettsucht interessiert gewesen. Die Schilderung erinnert an eine Laborratte, die von den Forschern aus rein wissenschaftlichen Gründen betrachtet wird und Aufmerksamkeit erheischt.
Wahre Eltern-Kind-Gespräche kommen nicht auf. Mit 20 Jahren wiegt er 140 und mit 23 Jahren 200 Kilo. „Ich hatte einfach kein Sättigungsgefühl mehr“, sagt er. „Ich litt am Binge-Eating-Disorder.“ Von dieser Störung sind „Frauen und Männer gleichermaßen betroffen“, so die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Das Hauptsymptom einer Binge-Eating-Störung seien regelmäßige Eßanfälle. Diese Attacken können Stunden dauern, sind unabhängig von Hungergefühlen. „Menschen mit Binge-Eating-Störung essen nicht mit Genuß. Sie leiden unter ihren Eßanfällen, die von negativen Gefühlen begleitet sind. Sie ekeln sich häufig vor sich selbst, sind deprimiert oder haben Schuldgefühle. Sie essen alleine und verheimlichen ihr gestörtes Eßverhalten vor anderen Personen.“
Genauso wie der 35jährige. „Gegessen habe ich allerdings immer allein, ich habe niemals einen anderen Menschen zusehen lassen, das war mir zu peinlich.“ Sein Frühstück konnte dann folgendermaßen aussehen: 400 Gramm Toastschinken, 800 Gramm Gouda, eine große Packung Toastbrot dazu Mayonnaise, als Abschluß eine Zehnerpackung „Kinder Pinguí“ und zwei Liter Cola. Summa summarum sind das 7.700 Kilokalorien (kcal). Zum Vergleich: Ein Mann im Alter von 19 bis 51 Jahren sollte bis zu 2.500 kcal am Tag zu sich nehmen, Frauen bis 1.900 kcal.
Die Werbung preist Cerealien an, die nichts anderes als ungesundes, hoch verarbeitetes und mit Fett und Zucker angereichertes geschältes Getreide meint. Unsere Säfte, auf deren Verpackungen im Kleingedruckten „Nektar“ steht, sind mit Geschmacks- und Zusatzstoffen aufmunitioniertes Wasser. Im ganzen: Wir trinken und essen hochkalorische Fertigprodukte. Diese Nahrungsmittel, die mit gesunder Ernährung kaum etwas zu tun haben, sollen wir, der Industrie zuliebe verdauen, wie die Kuh das Gras verdaut. Dazu gibt es dann den guten Rat, die überflüssigen Kalorien, aus denen überflüssige Pfunde werden, durch Bewegung wieder zu verbrennen. Was, je mehr Kilo man anhäuft, um so unmöglicher wird.
Der dicke Junge ist zwar motorisch unbegabt, dafür aber ein sehr guter Schüler. Und er ist beliebt. „Ich war nett, die Klassenkameraden mochten mich, die Kameradinnen auch, aber eben nur als netten Kumpel, mehr nicht.“ Er ahnt zwar, daß es am Aussehen liegt, aber er realisiert es nicht wirklich. „Wenn man 200 Kilo drauf hat, hat man starke Wahrnehmungsstörungen“, sagt er. Trotzdem schämt er sich, wenn er Fotos von sich sieht. „Ich vermied es einfach.“ Und ändern kann er die Situation nicht.
Irgendwann spricht ihn ein Freund auf sein Gewicht an. „Es ist wie bei jeder anderen Suchterkrankung: Wenn es der Umgebung auffällt, ist es deutlich nach dem Zeitpunkt der Manifestation.“ Nun wird auch ihm klar, er ist zu dick. Die Kniegelenke machen nicht mehr mit, Meniskusriß, der Blutdruck steigt. „Da hab ich mir gesagt, so kann es nicht weitergehen, ich mache Sport. Aber das Essen habe ich nicht verändert. Ich kam nicht weiter runter, als bis zu 168 Kilogramm. Mir war einfach immer noch nicht richtig klar, wie krank mein Essen ist.“
„Manchmal zwei bis drei Wochen total aus dem Leben geschossen“
Er geht zum Arzt und entscheidet sich für eine Schlauchmagen-Operation. Da wiegt er 173 Kilo. In der Klinik kommt heraus, daß sein Magen schon so groß geworden war, daß er das Zwerchfell durchbrochen hatte. „Nach der OP nahm ich schnell ab“, erinnert er sich. „Einige Wochen durfte ich nur flüssige Nahrung zu mir nehmen.“ Er konnte nicht mehr als einen Löffel Joghurt am Tag zu sich nehmen, „obwohl ich durchaus mehr hätte essen dürfen“. Die ersten 15 Kilo purzelten in den ersten zehn Tagen. Ich habe mich streng an die Diät gehalten.“ Da die Hormone, die das Hungergefühl steuern, im Magen produziert werden, er aber kaum noch einen Magen hat, empfindet er auch kein Verlangen nach Nahrung. „Und meine Familie war froh, daß ich mich hatte operieren lassen, ich wäre sonst abgekratzt.“
Aber es gibt einen Haken an der Sache. Die Suchtverschiebung. „Bei mir waren es dann Alkohol und Glücksspiel“, sagt er. „Ohne mich richtig mit meiner Krankheit auseinanderzusetzen, wurde es richtig schlimm. Ich habe mich manchmal zwei bis drei Wochen total aus dem Leben geschossen.“ Der Mann startete eine Psychotherapie. „Ich bin eßsüchtig, und ich bleibe es mein Leben lang. Das ist meine Erkenntnis. Das Gute an dieser Sucht ist es, daß Außenstehende es sehen können und die Kranken darauf hinweisen können.“
Sein großer Wunsch, eine Frau fürs Leben zu finden, ging nach der Operation in Erfüllung. Heute ist er verheiratet und stolzer Vater einer kleinen Tochter. Immer freitags trifft er sich noch mit seinen Kumpels zum Bier. „Alkoholfrei, versteht sich“, sagt er, „und dazu rauche ich eine Zigarette.“ Und er hält sein Gewicht von 102 Kilogramm.
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Foto: Üppiges Mittagsmahl: „Menschen mit Binge-Eating-Störung essen nicht mit Genuß“, so die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. „Sie leiden unter ihren Eßanfällen, die von negativen Gefühlen begleitet sind. Sie sind deprimiert oder haben Schuldgefühle. Sie essen alleine und verheimlichen ihr gestörtes Eßverhalten vor anderen Personen.“