© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de 44/24 / 25. Oktober 2024

Wissenschaftler in vier Systemen
Der Archäologe Wilhelm Unverzagt (1892–1971)
Jürgen W. Schmidt

Der aus Wiesbaden gebürtige Wilhelm Unverzagt war ein Archäologe mit Leib und Seele und zugleich ein begnadeter Netzwerker und Organisator. Politisch erwies er sich in allen Systemen kompromißbereit, nur um problemlos forschen zu können. Ab 1926 Direktor am Berliner Museum für Ur- und Frühgeschichte und ab 1932 Honorarprofessor für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Berlin, initiierte und leitete er wichtige Ausgrabungen, die namhaftesten davon in Zantoch, Lebus und Teterow. Auch in der Burgwallforschung und in der Stadtarchäologie (Magdeburg) setzte er Maßstäbe. 1942 bis 1944 ließ Unverzagt sogar in Zusammenarbeit mit SS-Dienststellen auf dem vorgeschichtlich bedeutsamen Gelände der Festung Belgrad graben. 

Unverzagts namhafteste Schüler waren Herbert Jankuhn und Achim Leube. Allerdings verfiel Unverzagt in den wohl branchenüblichen Fehler vieler Archäologen, welche zwar fleißig ausgruben, doch hinterher nur spärliche oder gar keine Grabungsberichte veröffentlichten. Das ist besonders im Fall von Zantoch und Lebus bedauerlich, weil in der Endphase des Zweiten Weltkrieges vieles vernichtet wurde bzw. verschollen ist. In Schloß Lebus beispielsweise ließ der sowjetische Stadtkommandant die dortigen Funde entsorgen, um in den nunmehr freien Räumen Kartoffeln zu lagern. 

Das Kriegsende in Berlin erlebte Wilhelm Unverzagt im Flakbunker am Zoo, wohin er die kostbarsten archäologischen Exponate des Museums für Ur- Frühgeschichte bringen ließ. Am 26. Mai 1945 übergab Unverzagt unterschriftlich an eine sowjetische Militärkommission die Kisten mit den Goldfunden, darunter den „Schatz des Priamos“ sowie kostbare skythische Goldfunde. Die Militärs ließen die wertvollen Güter anschließend per Flugzeug nach Moskau verbringen. Hier befinden sie sich immer noch, denn sie werden wohl kaum je nach Berlin zurückkehren. Schuld daran hatte in bedeutendem Maße Kanzlerin Merkel. Denn im Gegensatz zu ihren Amtsvorgängern Kohl und Schröder setzte sie sich nie für die deutschen Ansprüchen bezüglich dieser „Beutekunst“ ein. 

In der DDR hingegen wurde der in WestBerlin wohnende, aber in Ost-Berlin tätige Professor Unverzagt zwar mißtrauisch beäugt, jedoch als Fachmann geschätzt. Er begründete für die DDR das System zum Schutz der Bodendenkmäler und bildete die erste Generation von DDR-Prähistorikern aus. Allerdings wurde Unverzagt, welcher 1959 mit dem Nationalpreis 2. Klasse der DDR geehrt wurde, niemals wieder in seine Professur an der Berliner Universität eingesetzt. Grund dafür waren seine NSDAP-Mitgliedschaft und seine dienstlich bedingten Kontakte zum „Ahnenerbe“ der SS.

Achim Leube: Wilhelm Unverzagt (1892–1971). Archäologe in vier politischen Systemen. Verlag Marie Leidorf Rahden i.W. 2024 (Berliner Archäologische Forschungen Bd. 23), 381 Seiten mit vielen Abbildungen, 69,80 Euro