Der Pianist und selbst noch der Klavierschüler hat seine Stücke von Berg, Schönberg oder Webern soweit geübt, daß ihm Logik und Brüche musikalischer Bewegung in die Finger übergegangen sind und richtige von falschen Tönen leicht zu scheiden. Der Hörer jedoch muß an einem Stück Strukturen erfassen, Inhalt und Ausdruck in Relation bringen und dann auch noch in Schönheit genießen. Elisabeth Leonskaja erleichtert es dem Hörer, ohne es ihm zu leicht zu machen. Ihr Album mit Stücken der drei Meister der Zweiten Wiener Klassik ist den kanonischen Einspielungen Goulds und Pollinis an die Seite zu stellen.
Bergs Klaviersonate (1907–1909), sein Opus 1, das den Bogen zur Romantik hält, Weberns Variationen op. 27 (1936), in denen die zugrundeliegende Reihe sich überhaupt erst aus dem Verlauf des jeweilig Ganzen erschließt, Schönbergs Drei Klavierstücke op. 11 (1909), romantische Nachtstücke aus der Zukunft, Sechs kleine Klavierstücke op. 19 (1911), aphoristische Miniaturen, da die linke Hand zwar weiß, was die rechte tut, aber beide nicht dasselbe tun, und zuletzt die Suite op. 25 (1921/23), in der alle Sätze aus einer einzigen Grundreihe entwickelt sind – darf man diese Stücke derart emotionalisieren, daß hinter allem Ausdruck die musikalische Konstruktion zu verschwinden droht? Aber sie verschwindet ja nicht. Die Leonskaja spielt die Stücke mit zartem, so zärtlichem Anschlag, mit altersweisem Humor, vertraut und natürlich, als etwas ganz Neues, das aus nichtveraltetem Alten hervorgehen mußte.
Berg. Schönberg. Webern: Klavierwerke Warner Classics 2024 www.leonskaja.com , www.warnerclassics.com