© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de 16/24 / 12. April 2024

Jenseits simpler „Putinologie“
Die Soziologin Katharina Bluhm schlägt einen Bogen vom Untergang der Sowjetunion bis zu Putins Kriegsführungsstaat
Felix Dirsch

Anders als die jüngere deutsche Geschichte, deren Grundtendenz der Historiker Heinrich A. Winkler als langen Weg nach Westen beschreibt, kann man die russische Historie seit dem Ende des Kalten Krieges als kurzen Weg dorthin deuten. Er wurde schnell wieder abgebrochen. Die marktradikale Schocktherapie der 1990er Jahre, die nicht zuletzt dem sogenannten Washingtoner Consensus geschuldet war, hinterläßt bis heute Narben. Der partielle Ausverkauf russischen Eigentums bleibt auch im Rückblick nicht nur Konservativen ein Dorn im Auge, ebenso die seinerzeit scharfen sozialen Divergenzen. Vor diesem Hintergrund stießen Repräsentanten des politischen Liberalismus bei ihrem Ansinnen auf begreifliche Widerstände, eine Verfassung westlichen Typs zu implementieren.

Seit rund 25 Jahren registriert man nun einen großangelegten Gegenschlag von Vertretern, die man der Strömung des illiberalen Konservatismus zurechnen kann. Bluhm skizziert als wichtigen Hintergrund dieser Wende verschiedene ideenpolitische Potentiale. Drei Varianten der geschichtsträchtigen eurasischen Richtung stechen hervor: Eurasien als russisch-orthodoxe Zivilisation, Rußland als „Insel“, aber auch der revanchistische Eurasianismus, der vom vermeintlichen Putin-Einflüsterer Alexander Dugin maßgeblich geprägt wird. Nicht zu übersehen ist auch die wichtige Rolle der orthodoxen Kirche.

Russischer Staatskapitalismus ist flexibler als von vielen vermutet

Großen Einfluß besitzen seit über zwei Jahrzehnten nicht nur herausragende konservative Publizisten und Medienunternehmer, sondern auch Denkfabriken wie der Isborsk-Klub. Im Hintergrund zogen und ziehen Intellektuelle wie (unter anderem) der verstorbene Jungkonservative Konstantin Krylow, Michail Remisow und Jegor Cholmogorow die Fäden. Ihr Denken changiert zwischen ethnischem Nationalismus, modernem Nationalkonservatismus und einem Traditionalismus unterschiedlicher Spielarten. Die Einflüsse ragen in den Machtapparat Putins hinein, der sich betont neutral gibt und nicht einmal der Präsidentenpartei „Einiges Rußland“ beigetreten ist. Nicht nur der ideenpolitische Gehalt dieser Facetten wird dargestellt, sondern ebenso ihr nicht immer einfacher „Zugang zum Machthaber“ (Carl Schmitt).

Bluhm übersieht auch die Metamorphosen des aktuellen Staatskapitalismus nicht. Er gilt als Alternative zur öfter ungezügelten Oligarchenherrschaft der 1990er Jahre. Seine größte Bewährungsprobe, eine länger dauernde Kriegswirtschaft seit Februar 2022, hat er bisher erstaunlich gut gemeistert. Ohne größere Schäden konnte die russische Führung die Sanktionen überstehen, indem man neue Abnehmer für die eigenen Rohstoffe gefunden hat. Künftig wollen führende Ökonomen verstärkt die Binnennachfrage ankurbeln.

Mit Betrachtungen zum „Kriegsführungsstaat“ enden die Ausführungen der Autorin. Obwohl ihr Blick auf Putin-Land, wie weithin üblich, ein sehr distanzierter ist, muß sie einräumen, daß sich der russische Staatskapitalismus „zumindest kurz- und mittelfristig als flexibler und anpassungsfähiger als meist vermutet“ erweist. Nicht nur in diesem Punkt unterscheidet sich die grundlegende wie empfehlenswerte Arbeit Bluhms von der Vorgehensweise vieler Haltungsjournalisten, die gern mit Verve ihren Privatkrieg gegen Rußland führen und dabei nicht selten Wunsch und Wirklichkeit verwechseln.


Katharina Bluhm: Rußland und der Westen: Ideologie, Ökonomie und Politik seit dem Ende der Sowjetunion. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2023, gebunden, 490 Seiten, 34 Euro