© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de 16/24 / 12. April 2024

Judith Butler – Die „Gender-Päpstin“ als neoliberale Ideologin
Integration durch Gleichmacherei

Seit Jahren fällt die in Berkeley lehrende Judith Butler weniger als akademischen Weltruhm genießende Stammmutter der „Gender-Religion“ denn als aggressive „Israel-Kritikerin“ und vehemente Apologetin palästinensischer Forderungen nach einer Zwei-Staaten-Lösung auf. Zuletzt auf dieser Nahost-Arena auch mit heftig umstrittenen Äußerungen zum Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023. Aber Butler stößt seit längerem nicht allein mit ihrem publizistisch-politischen Engagement, sondern auch als Sozialtheoretikerin zunehmend auf Widerspruch – und zwar von linker Seite. So gelangt die marxistisch orientierte Philosophin Jeta Mulay (Toronto) in ihrer auf Theodor W. Adorno gestützten Analyse von Butlers Kritik am Kapitalismus im allgemeinen und am Neoliberalismus im speziellen zum Fazit, daß sie im Namen ihrer „Ethik der Verantwortlichkeit“ negiere, was sie tatsächlich rechtfertige und reproduziere: „die radikal ungleiche Wohlstandsverteilung“ im globalen Norden (Das Argument, 341/2023). Denn die Gleichheit, die Butler etwa für Migranten und Obdachlose einfordere, habe zum Ziel, solche „prekären Bevölkerungsgruppen“ qua Umverteilung in eine Gesellschaft zu pressen, in der Gleichheit Reduktion des Menschen aufs „bloße Gattungswesen“ und gleiche Ersetzbarkeit des Individuums im kapitalistischen Produktionsprozeß bedeute. Mithin bestätige Butlers „Einladung in die Selbstverwertung des Kapitalismus“ Warnungen von Alexis de Tocqueville, Karl Marx und Hannah Arendt bis zu Adorno, wonach dieses Gesellschaftssystem „Integration nur durch Gleichmacherei“ und „Verflüssigung des Individuums“ erlaube. (dg)  https://argument.de