© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de 13/24 / 22. März 2024

Im woken Gleichschritt
Die Ethnologin Susanne Schröter beklagt linke totalitäre Tendenzen in Wissenschaft und Gesellschaft
Michael Dienstbier

In Deutschland sind Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit durch Grundgesetzartikel 5 garantiert. Aufgabe des Staates ist es, dafür zu sorgen, daß jeder Bürger diese Grundrechte in Anspruch nehmen kann. Ein Staat, der dazu nicht mehr willens oder in der Lage ist, verliert seine Legitimität. Eine im Dezember 2023 veröffentlichte Umfrage von Allensbach und dem Meinungsforschungsinstitut Media Tenor ergab, daß 44 Prozent der Befragten glauben, bei politischen Äußerungen vorsichtig sein zu müssen. Zum Vergleich: 1990 lag dieser Wert bei lediglich gut 15 Prozent. Nun ist ein Gefühl nicht identisch mit der Realität, aber immer schneller nähert sich die Realität dem Gefühl der Deutschen an. 

Spätestens seit Corona hat auch die Mitte der Gesellschaft gelernt, daß es taktisch klüger sein kann, den Mund zu halten, um keine Probleme im Bekannten- oder Freundeskreis, mit dem Arbeitgeber oder gar den Sicherheitsbehörden zu bekommen. Zudem werden getreu dem Mao zugeschriebenen Motto „Bestrafe einen, erziehe hundert“ in immer kürzeren Abständen Personen des öffentlichen Lebens sanktioniert, die sich außerhalb des als zulässig erachteten Meinungskorridors zu Themen wie Islam, Migration oder Gender äußern. Eine dieser Personen ist Susanne Schröter. In ihrem neuen Buch „Der neue Kulturkampf: Wie eine woke Linke Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft bedroht“ analysiert die Ethnologin Methoden und Mechanismen, die zur Homogenisierung des Meinungsklimas in Deutschland geführt haben. Haupttreiber dieser Entwicklung im gesamten westlichen Kulturkreis sei ausgerechnet die Institution, für die die Freiheit des Forschens und Denkens einst konstitutiv war: die Universität.

Die ersten gut sechzig Seiten ihres Buches widmet Schröter ihren eigenen Erfahrungen, um davon ausgehend typische Vorgehensweisen woker Ideologen zu abstrahieren, die vor allem in der angelsächsischen Welt und Deutschland seit geraumer Zeit zum Alltag gehören. Seit 2008 hatte die mittlerweile emeritierte Professorin den Lehrstuhl für koloniale und postkoloniale Ethnologie an der Universität Frankfurt inne. Der Schwerpunkt ihrer Forschung lag auf der islamischen Welt. Von Beginn an habe sie unter ihren Fachkollegen eine mangelnde Distanz zu ihrem Forschungsobjekt gespürt: „In meiner eigenen Disziplin, der Ethnologie, war die Ablehnung jeglicher Form von Islamkritik besonders ausgeprägt, da man eine ins Devote reichende Kritiklosigkeit gegenüber dem kulturell Fremden und damit auch gegenüber jeglicher Spielart des Islam pflegte“, faßt sie ihre Beobachtungen zusammen. Dieses „Devote“ sei gerade unter ihren Kolleginnen weit verbreitet: „Wenn eine Islamistin von der Unterwerfung unter das Gesetz Gottes schwärmte, schwärmten die Ethnologinnen in ihren Publikationen gern mit.“

Spätestens 2019 wurde Schröter als Organisatorin der sogenannten „Kopftuchkonferenz“ einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Hier debattierten im Rahmen einer Podiumsdiskussion Befürworter und Gegner des Kopftuches, unter anderem Alice Schwarzer. Aus Reihen der Studentenschaft wurde Schröter massiv als Rassistin diffamiert. Doch die Universitätsleitung und selbst der AStA beteiligten sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht an der Kampagne. Das änderte sich 2023, als es im Verlauf der wiederum von Schröter organisierten Konferenz „Migration steuern, Pluralität gestalten“ zu heftigen Auseinandersetzungen kam, vor allem, weil sich Tübingens Ex-Grüner Oberbürgermeister Boris Palmer von einem grölenden Mob dazu provozieren ließ, mehrere Male „Neger“ zu sagen. Teilnehmer wurden pauschal als „Nazis“ beschimpft, das Institut für Ethnologie distanzierte sich geschlossen von Schröter, und der AStA organisierte eine Kampagne zur Einschränkung ihrer Lehrtätigkeit. Daß diese Zeit nicht spurlos an ihr vorbeigegangen ist, merkt man diesem Abschnitt in jeder Zeile an.

Im Kern der woken Ideologie, so Schröter, stehe ein entgrenzter Rassismusbegriff, der allein schon das Benennen von kulturellen Unterschieden als verwerflich erachte, wenn dies von Menschen weißer Hautfarbe erfolgt. Alle weißen Menschen, so die woke Logik, hätten qua ihres Weißseins rassistische Denkschemata internalisiert, was sie disqualifiziere, sich über andere Kulturen anders als im Modus der Reue zu äußern. Objektive Kriterien für Rassismus neben der Hautfarbe gibt es innerhalb dieser Weltanschauung nicht, was zählt, ist allein das Gefühl des Betroffenen. An dieser Stelle fehlt dem Buch ein kurzer Exkurs zu den antiaufklärerischen Wurzeln der Wokeness, die zum Verständnis vieler von Schröter beschriebener Fälle zentral sind. Wokeness bedeutet Abschied von individueller Verantwortung und universellen Menschenrechten. Ob Täter oder Opfer – die Zugehörigkeit zum jeweiligen Kollektiv entscheidet. Daß ebenjene Zugehörigkeit wieder anhand ethnischer Kriterien erfolgt, dieses Mal im Namen von Antirassismus und Diversität, ist eine der bittersten Pointen unserer Gegenwart. 

Anhand vieler Beispiele und intimer Kenntnisse des universitären Betriebes gelingt Schröter eine erschreckende Bestandsaufnahme des Siegeszuges einer Ideologie, die im Namen von Vielfalt einen ganzen Kulturkreis ideologisch auf Linie bringen will. Den Universitäten kommt dabei eine zentrale Rolle zu, da hier die zukünftigen Lehrer, Journalisten und Mitarbeiter des Kulturbetriebes ausgebildet werden, die als Meinungsmultiplikatoren die kulturelle Hegemonie der woken Linken im Sinne Gramscis sichern sollen. Daß es hierbei nicht nur um eine Richtungsentscheidung innerhalb des bestehenden politischen Systems geht, sondern im Grunde die Systemfrage an sich gestellt wird, verdeutlicht Schröter in ihrem Fazit, dem voll zuzustimmen ist: „Wokismus ist eine totalitäre Ideologie, die von den Universitäten über den vorpolitischen Raum in die Politik gelangt ist und sich auf dem Weg zur Staatsideologie befindet. Abweichler werden durch Mobbing, Rufmord und die Zerstörung beruflicher Karrieren zur Raison gebracht und mittlerweile sogar in Meldeeinrichtungen erfaßt. Wer die Genese totalitärer Staaten studiert, bekommt eine Ahnung, wo so etwas enden kann.“

Susanne Schröter: Der neue Kulturkampf. Wie eine woke Linke Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft bedroht. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2024, broschiert, 272 Seiten, 20 Euro