© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de 43/23 / 20. Oktober 2023

Der Andersdenkende ist nun der Feind
Auch Michel Friedman macht sich Sorgen um Deutschland. Dieses sei bequem geworden und lasse nach im Kampf gegen den Klimawandel und gegen die rechten Nörgler an der Einwanderungsgesellschaft
Michael Dienstbier

Michel Friedman ist ein Meister darin, sich als Mann klarer Worte zu präsentieren. Dies beweist er seit Jahren als Autor, Publizist oder Gast respektive Gastgeber diverser Talkshows. Gerade zu Beginn seines Gesprächsformats „Studio Friedman“, welches zwischen 2004 und 2021 bei N24 – später Welt-TV – ausgestrahlt wurde, gelang es ihm regelmäßig, seine Gäste in gut vorbereiteten, konfrontativ geführten Interviews in Bedrängnis zu bringen. Diese Zeiten sind vorbei. Friedman ist den Weg vieler Stammgäste des medialen Establishments gegangen, die, anstatt die Macht zu kritisieren, sich mit der Macht verbündet haben und unverhohlen die soziale Vernichtung all jener fordern, die in Opposition zum Zeitgeist stehen. Sein neues Buch „Schlaraffenland abgebrannt“ steht repräsentativ für ein Milieu, das im Namen von Demokratie, Diversität und Toleranz publizistisch den Weg in Richtung einer totalitären Fassadendemokratie bereitet.

Vordergründig handelt es sich bei dem Buch um einen Appell an ein bequem gewordenes Land, welches verstehen müsse, daß es das Engagement eines jeden brauche, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern. Dazu zählen laut Autor: der Klimawandel, die Gefahr von rechts, sinkender Wohlstand und Vorbehalte gegen Einwanderung. Friedman predigt also das, was uns seit Jahren aus den Parteizentralen fast aller Parteien und den Redaktionsstuben des öffentlich-rechtlichen Staatsfunks vorgebetet wird. Neu sind jedoch Wortwahl und Tonlage, die Friedman in seinem Weckruf ins Feld führt. Der Andersdenkende ist kein Gegner mehr, gegen den man sich im argumentativen Kampf zu bewähren hat, er ist nun der Feind, der vernichtet werden muß. Daß die AfD in Umfragen bei über 20 Prozent steht, bezeichnet Friedmann allen Ernstes als „Zivilisationsbruch“. Dieser Begriff ist in Deutschland für die Verbrechen der Nationalsozialisten im allgemeinen und für den Holocaust im besonderen reserviert. Wer die Umfrageergebnisse einer rechten Partei mit dem Massenmord an sechs Millionen Menschen auf eine Stufe stellt, betreibt zum einen eine schamlose Instrumentalisierung unserer Geschichte. Zum anderen gibt er diese Partei und deren Unterstützer zum Abschuß frei. Denn im Kampf gegen eine neue Diktatur, so der bundesrepublikanische Konsens, ist alles erlaubt. Höcke, Weidel, Gauland, von Storch und auch das CDU-Mitglied Hans-Georg Maaßen werden namentlich als „Feinde der Verfassung“ markiert, die nicht zu integrieren sind. Was soll mit ihnen geschehen? Friedman läßt dies offen, aber jeder weiß, was er meint.

Friedman äußert Verständnis für die Maßnahmen der „Letzten Generation“, bezeichnet die Vereinigten Staaten von Europa als „wünschenswerte Utopie“ und bewertet die Einschränkungen der Corona-Jahre als „eigentlich nicht gravierend“. Jeder, der das anders sieht, sei Leugner, rechtsextrem oder verbreite Haß und Hetze. Auch stilistisch paßt sich Friedman dem Zeitgeist an. Fakten spielen in dem Buch keine Rolle, es geht um Gefühle. Das mit am häufigsten gebrauchte Wort lautet „ich“. Als ständiges Stilmittel benutzt Friedman eine Extremform der Parataxe, die wohl unmittelbare Betroffenheit zum Ausdruck bringen soll. Formulierungen wie: „Ich fühle mich schutzlos. Oft. Einsam in dieser Welt. In diesem Universum. Einsamkeit macht furchtbare Angst“, finden sich auf nahezu jeder Seite. Aus der Feder eines erwachsenen Mannes ist das peinlich berührend. 

Als moderner Mann gendert Friedman natürlich auch brav. Diese Mischung aus leichter und „gendergerechter“ Sprache korrespondiert perfekt mit dem Inhalt. Friedman bespielt mit seinem Buch gekonnt die woke Blase, die davon überzeugt ist, die einzig seligmachende Wahrheit zu kennen, an den Schalthebeln der Macht sitzt und dementsprechend die Zeiten für Debatten für beendet erklärt hat. Ob es blanke Heuchelei oder tatsächliche Überzeugung Friedmans ist, daß es ihn traurig mache, „wie wenig Lust und Sehnsucht Menschen haben, zu streiten“, möge der Leser selbst entscheiden.

Michel Friedman: Schlaraffenland abgebrannt. Von der Angst vor einer neuen Zeit. Berlin Verlag, Berlin 2023, gebunden, 224 Seiten, 24 Euro