Der Historiker ist in der Regel gehalten, Superlative sehr sparsam einzusetzen. Wenn Ilko-Sascha Kowalczuk allerdings konstatiert, „Walter Ulbricht war der erfolgreichste Kommunist der deutschen Geschichte“, so dürfte sich kaum Widerspruch regen. Der mit einer großen Zahl von fundierten Werken zur DDR-Geschichte hervorgetretene Kowalczuk gilt als ausgewiesener Kenner der Materie. Allenfalls könnte man die These leicht korrigierend ergänzen: „der bisherigen deutschen Geschichte“.
Vorgelegt hat Kowalczuk nun den ersten Band seiner monumentalen Ulbricht-Biographie. Sie erstreckt sich vom Geburtsjahr 1893 bis zu seiner Rückkehr aus der Sowjetunion nach Deutschland im späten Frühjahr 1945, an der Spitze der nach ihm benannten Gruppe von Kommunisten. Tatsächlich wird es wohl schwer sein, in Ulbrichts Werdegang einen an den harten Fakten auszumachenden Aspekt zu finden, der hier nicht wenigstens Erwähnung findet. Das Werk, von dem der Autor sagt, er habe fast sein „ganzes Leben“ daran gearbeitet, ist am Beweisbaren orientiert. Hier klassischer Historiker, erklärt Kowalczuk zu Anfang: „Richtschnur sind die mir bekannten Quellen.“ Korrekt und zutreffend bereitet er den Leser mit der Bemerkung vor, er sei „kein prosaisch veranlagter Künstler“, mangels trittsicherer Belege sei bei ihm „kaum etwas von Gefühlen des Helden zu lesen“.
Ein „Held“ ist Ulbricht für ihn – natürlich – nicht, aber er versucht, ihm gerecht zu werden. Dürfte von Ulbricht im allgemeinen Gedächtnis trotz allen Wissens um dessen Wirkmächtigkeit das Bild einer sich unbeholfen gebenden Witzfigur vorherrschen, so setzt Kowalczuk dem entgegen, daß Ulbricht immens belesen gewesen sei und ihn „ein außerordentlich breites Wissen auch schon in jungen Jahren“ ausgezeichnet habe. Lektürelisten und Ausarbeitungen werden ausführlich präsentiert. Dennoch sei er ein „Apparatschik“ gewesen, seinem Aufstieg seien „unglaublicher Arbeitseifer“ und „hohe soziale Intelligenz“ zupaß gekommen. Nach Kowalczuks Biographie steigt sicherlich nicht die Achtung vor Ulbricht, aber man nimmt ihn – zu Recht – wesentlich ernster. Ideologische Grundlagen und Historisches beschäftigten ihn stark, zur Novemberrevolution von 1918/19 sollte er sich immer wieder äußern. Das durchweg erkennbare Streben nach einer marxistisch-leninistischen Kaderpartei habe in diesen „Lehren“ seine Wurzeln.
Stark geprägt worden sei das Bild Ulbrichts lange durch interessengeleitete Publikationen. Selbstdarstellungen und Überhöhungen, vor allem aus der DDR, haben grundlagenlosen, aber breit rezipierten Verzeichnungen gegenübergestanden. So etwa auf der einen Seite Johannes R. Becher, laut Kowalczuk „Ulbrichts peinlichster Biograph“. Auf der anderen Seite seien Darstellungen wie diejenige von Carola Stern typisch gewesen, die Ulbricht als „bildungsfern, phantasielos, ohne Brillanz, mitreißende Vitalität, Originalität, gar ohne jegliche Verbindlichkeit, schlichtweg, ihm fehle jedes Format“, charakterisiert habe. Kowalczuk macht darauf aufmerksam, daß den Aussagen der Renegaten, den einst gläubigen Kommunisten, die dann auf die andere Seite wechselten, „fast sakrosankt“ gefolgt worden sei. Carola Stern ist hier nur ein Beispiel, einer sachlichen Überprüfung halten Veröffentlichungen derjenigen, die „in der westlichen Welt als authentische Zeitzeugen galten“, nicht immer stand, wie hier mehrfach gezeigt wird.
In seiner Einleitung reflektiert Kowalczuk grundsätzliche Überlegungen, die sich mit dem Genre Geschichtsschreibung im allgemeinen und Biographie im besonderen verbinden. So wird die Standortgebundenheit des Autors bezüglich dessen Beurteilungshorizont ins Bewußtsein gerufen oder die Tatsache, daß das „Leben durch unsere Erzählung erst jene Logik und Stringenz, die ihm üblicherweise fehlt“, erhält. Oder daß trotz „Unmengen Quellenbergen“ große Lücken bleiben. Allerdings weist er auch auf ein Problem hin, welches eine Reihe Biographen hochrangiger Persönlichkeiten gern ignoriert. Für seinen Gegenstand fragt er: „Wie authentisch sind eigentlich Sätze, Aufsätze, Vorträge, Quellen, die den Namen Walter Ulbricht tragen?“ Dieser sei ab etwa 1928/29 in einer Stellung gewesen, in der er auf eine beträchtliche Anzahl von Mitarbeitern zurückgreifen konnte und mußte, „nicht mehr alles, was seinen Namen trug“, stammte von ihm. Warum Kowalczuk den Text seines großen Werkes schülerhaft-zeitgeiststrebig mit „Gendersternen“ und verfälschenden femininen Pluralformen belastet, nicht konsequent, aber immer mal wieder, bleibt sein Geheimnis.
Die geschichtstheoretischen Erörterungen bleiben auf die Einleitung beschränkt. Danach bietet er eine „ganz und gar konventionelle Biographie“. Das ist gut so. Er erzählt das Leben Ulbrichts. Von den Anfängen in Leipzig, von seinem rasanten und konsequent verfolgten Aufstieg, von seinem Funktionärsdasein in Thüringen, seiner Arbeit in Berlin, immer wieder von Moskau. Von der gescheiterten Volksfrontpolitik, der Komintern, von der KPD, für die das Bonmot „Feind, Todfeind, Parteifreund“ wie für keine andere Partei gegolten habe, von den Animositäten mit Clara Zetkin und dem Konkurrenzkampf mit Willi Münzenberg. Von seiner Rolle beim stalinistischen Terror. Hier werde sein Einfluß deutlich überschätzt, er sei „bestenfalls Handlanger, meist nicht einmal das“ gewesen. Und vieles mehr ist zu erfahren. Die Stoffülle ist in meist angenehm kurze Kapitel gegliedert. Fehlen Informationen, gerade aus der Frühzeit, so werden stellvertretend Zeugnisse von Zeitgenossen in vergleichbaren Situationen präsentiert, um einen Eindruck von der Lebenswelt Ulbrichts zu vermitteln. Derartiges, mitunter sehr weitgreifende Einbettungen in die größeren Zusammenhänge sowie Kowalczuks Hang, zu einem Ereignis möglichst viele, teilweise einander widersprechende Quellen auszubreiten oder mannigfache Details wie etwa die akribische Aufzählung von Adressen kommen einem – soweit möglich – vollständigen Ulbricht-Bild zugute. Sie fordern aber dem Leser, der das Buch nicht nur als Nachschlagewerk zu nutzen gedenkt, ein großes Maß an Geduld ab. Für 2024 ist der zweite und abschließende Teil der Ulbricht-Biographie angekündigt. Sollte Kowalczuk seinen Stil beibehalten, so sind mindestens zwei Bände zu erwarten.
Ilko-Sascha Kowalczuk: Walter Ulbricht. Der deutsche Kommunist. C. H. Beck, München 2023, gebunden, 1.006 Seiten, 58 Euro