© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de 43/23 / 20. Oktober 2023

Revolution nach externer Weisung
Sachsen, Thüringen und Hamburg: Die Kommunisten witterten im Oktober 1923 die Chance, einen Umsturz der Weimarer Staatsordnung herbeizuführen
Karlheinz Weißmann

Vom Frühjahr 1924 bis zum Sommer 1925 fällte der Staatsgerichtshof der Weimarer Republik eine ganze Reihe von Urteilen gegen Mitglieder der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Die Anklage lautete „Vorbereitung zum Hochverrat“ und bezog sich auf Straftaten im Zusammenhang mit dem „Deutschen Oktober“. So bezeichnete man die Versuche der KPD vom Herbst 1923, in Deutschland einen Umsturz nach dem Muster der russischen Oktoberrevolution durchzuführen. Hinter den Plänen stand nicht nur das Drängen der in Moskau beheimateten Kommunistischen Internationale, sondern auch die Einschätzung der deutschen Parteiführung, daß die gewaltsame Errichtung einer Sowjetrepublik möglich sei.

Als günstige Voraussetzungen deutete man den Abbruch des passiven Widerstands gegen die Ruhrbesetzung und das damit verbundene Schwinden der nationalen Solidarität, die galoppierende Inflation und die zunehmende Verarmung der Bevölkerung, den Ausbruch von wilden Streiks, Teuerungskrawallen, die Verbreitung von Felddiebstählen und Plünderungen. Nachdem der Plan fehlgeschlagen war, im Ruhrgebiet einen Generalstreik zu entfesseln und damit eine revolutionäre Situation herbeizuführen, konzentrierte die KPD ihre Anstrengungen vor allem auf den mitteldeutschen Raum. 

Die KPD konnte nie unabhängig von der Moskauer Zentrale agieren

Eine Ursache dafür war der Zuwachs an Genossen, den sie im preußischen Teil Sachsens, in Sachsen selbst und in Thüringen trotz des Scheiterns der letzten regionalen Aufstandsbewegungen im März und April 1921 verzeichnete, eine andere die erzielten Wahlerfolge. Nachdem man das Prinzip des Wahlstreiks aufgegeben hatte, gewann die KPD bei den preußischen Landtagswahlen vom 20. Februar 1921 im Wahlkreis Halle-Merseburg fast dreißig Prozent der Stimmen, wurde zur stärksten Partei und überflügelte die beiden anderen sozialistischen Gruppierungen – die Mehrheitssozialdemokratische (MSPD) und die Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) –, während sie bei den folgenden Urnengängen in Thüringen und Sachsen immerhin bei etwas über zehn Prozent lag.

Kurz darauf zerfiel die USPD. Ein erheblicher Teil ihrer Basis ging aus Enttäuschung über den folgenlosen Verbalradikalismus der Führung zur KPD über, während sich der gemäßigte Rest mit dem Gros der Funktionäre im September 1922 der MSPD anschloß. Die kehrte daraufhin zum alten Namen zurück und konnte eine deutliche Vermehrung von Mitglieder- wie Mandatszahlen verbuchen. Allerdings sah sich die Führung nun dem Druck eines neu erstarkten linken Flügels ausgesetzt, der die Partei programmatisch wieder auf Marxismus und Klassenkampf und darauf festlegte, (im Grundsatz) keine Koalition mit bürgerlichen Parteien einzugehen.

Zu den Folgen dieser Neuausrichtung gehörte die Bereitschaft, in Thüringen und Sachsen SPD-geführte Minderheitsregierungen zu bilden, die auf die Duldung der KPD angewiesen waren, und dann sogar „Arbeiterregierungen“ aus SPD und KPD zu unterstützen. So nahm der sächsische Ministerpräsident Erich Zeigner am 10. Oktober 1923 kommunistische Minister in sein Kabinett auf, sechs Tage später folgte sein Amtskollege August Frölich in Thüringen. Was Zeigner und Frölich zu diesem Schritt bewog, war die Vorstellung, man müsse die Einheit des Proletariats im Kampf gegen den „Faschismus“ herstellen, der in Bayern unter dem konservativen Generalstaatskommissar Gustav von Kahr nicht nur ein Bollwerk, sondern eine Ausfallstellung zu haben schien und nur auf eine Gelegenheit wartete, um den „Marsch auf Berlin“ anzutreten.

Die kommunistische Seite stützte diese Argumentation zwar offiziell, verfolgte aber unter dem Deckmantel der „antifaschistischen Einheitsfront“ das Ziel, den „Bankrott der Sozialdemokratie zu beschleunigen“ und einen Umsturz der Staatsordnung herbeizuführen. Ein doppeltes Spiel, das die Behörden leicht durchschauten. So hieß es in einem amtlichen Bericht an das Reichswehrministerium vom 19. Oktober 1923: „Im Freistaat Sachsen und Thüringen ist die K.P.D. in die Regierung eingetreten, und ihre Vertreter haben den Eid auf die Reichs- und Landesverfassung geleistet. In dieser Tatsache kann kein Widerspruch zu den Bedingungen der 3. Internationale und den Anweisungen ihres Exekutivkomitees erblickt werden, denn die ‘Thesen über die Taktik des Komintern’, wie sie am 4. Weltkongreß der kommunistischen Internationale im vorigen Jahre beschlossen wurden, besagen in Abs. 11 betreffend die ‘Arbeiterregierung’ ausdrücklich, daß die Kommunisten unter Umständen sich bereit erklären müßten, zusammen mit nichtkommunistischen Arbeiterparteien und Arbeiterorganisationen eine Arbeiterregierung zu bilden. Moskau vertritt dabei den Standpunkt, daß auch eine der parlamentarischen Konstellation entsprungene Arbeiterregierung den Anlaß zu einer Belebung der revolutionären Arbeiterbewegung geben könne. Bemerkenswert sind aber die Bedingungen, die Moskau an die Teilnahme ihrer Sektionsmitglieder an einer Regierung im obigen Sinne knüpft. Die 3. Internationale macht die Teilnahme der Kommunisten an einer Arbeiterregierung nicht nur abhängig von der Garantie, daß die Arbeiterregierung wirklich einen ‘Kampf gegen das Bürgertum’ führe, sondern stellt folgende ‘selbstverständliche’ Bedingungen: 1. Die Teilnahme an einer Arbeiterregierung könne nur mit Zustimmung der Komintern erfolgen. 2. Die kommunistischen Teilnehmer an einer solchen Regierung ständen unter der strengen Kontrolle ihrer Partei. (…) Nach Ziffer 11 der ‘Thesen über die Taktik der Komintern’ müßten die elementarsten Aufgaben einer Arbeiterregierung darin bestehen, das Proletariat zu bewaffnen, die bürgerlichen konterrevolutionären Organisationen zu entwaffnen, die Kontrolle der Produktion einzuführen, die Hauptlast der Steuern auf die Schultern der Reichen abzuwälzen und den Widerstreit der konterrevolutionären Bourgeoisie zu brechen.“

Tatsächlich konnte die KPD nie unabhängig von der Moskauer Zentrale agieren. Dort hatte man bis zum Sommer 1923 das Umschlagen der Ruhrkrise in einen offenen deutsch-französischen Konflikt erwartet, den die gerade gegründete Sowjetunion für ihre mittelfristigen Zwecke nutzen wollte. Deshalb dämpfte man jede Erwartung der deutschen Genossen im Hinblick auf eine unmittelbar bevorstehende Revolution. Allerdings nur bis zu dem Zeitpunkt, als Gustav Stresemann (DVP) an Stelle von Wilhelm Cuno (parteilos) das Amt des Reichskanzlers übernahm und ein Ausgleich zwischen dem Reich und den Siegermächten denkbar schien. Jetzt forderte das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale mit Nachdruck die Vorbereitung eines „deutschen Oktober“, und am 23. September 1923 hieß es in einem Artikel der parteioffiziellen Zeitung Prawda: „Die Lage in Deutschland hat sich soweit zugespitzt, daß das Problem der siegreichen Revolution in seiner ganzen Größe vor uns steht. […] Die Arbeiter strömen massenweise unserer Partei zu […] Die Hundertschaften […] haben Wunder an Organisation und Können geleistet. Wir sind jetzt überzeugt, daß im Notfalle jederzeit kolossale Divisionen entstehen können als Gegengewicht gegen die offiziellen Streitkräfte. Wir verantwortlichen Arbeiter halten die Erlangung der Macht […] für vollkommen ausführbar.“

Die „Proletarischen“ oder „Roten Hundertschaften“, auf die hier Bezug genommen wurde, hatte die KPD in Sachsen und Thüringen angeblich zum Zweck des „Selbstschutzes“ gegen Angriffe durch „Faschismus“ und „Reaktion“ aufgebaut. Deshalb waren ausdrücklich auch sozialdemokratische oder parteilose Arbeiter einbezogen worden. Von der militärischen Brauchbarkeit der bis zu 150.000 Mann darf man sich allerdings keine übertriebene Vorstellung machen, und über den Umfang ihrer geheimen Waffenlager fehlen präzise Informationen. Bei einer Durchsuchung der Berliner Polizei konnten immerhin dreizehn leichte und sieben schwere Maschinengewehre sowie ein Minenwerfer mit Ersatzteilen beschlagnahmt werden. Wobei relativ rasch feststand, daß die Mittel für den Erwerb von der russischen Botschaft zur Verfügung gestellt worden waren. Moskau hatte auch für den systematischen Aufbau eines sogenannten „Militär-“ oder „M-Apparats“ gesorgt, der unter Anleitung sowjetischer Instrukteure auf den Umsturz vorbereitete und Kader für eine zukünftige Rote Armee ausbilden sollte. Ergänzt wurde er um einen „Nachrichten-“ oder „N-Apparat“, der Spionage betrieb, sowie einen „T-“ oder „Terror-Apparat“, der „tschekistische“ Aufgaben übernahm, von der „Zersetzung“ bis zum Attentat oder Fememord.

Ausschlaggebend für das Entstehen „kolossaler Divisionen“ war allerdings, daß tatsächlich große Teile der SPD-Anhänger aus Unzufriedenheit mit ihrer Partei auf die Seite der Kommunisten übergehen würden. Als Nagelprobe sollte die Ausrufung eines Generalstreiks bei der sogenannten Betriebsrätekonferenz in Chemnitz am 21. Oktober dienen, an der nur linke Sozialdemokraten und Kommunisten teilnahmen. Aber die Initiative der KPD scheiterte schon im Ansatz. Was bedeutete, daß die am 29. Oktober gegen Sachsen, am 6. November gegen Thüringen eingeleitete Reichsexekution (Übernahme der vollziehenden Gewalt durch die Reichswehr und Absetzung der „Arbeiterregierungen“ durch die Reichsregierung) nirgends auf organisierten Widerstand traf. Der „Deutsche Oktober“ verlief im Sande und nichts blieb von dem hochfliegenden Plan, einen „Roten Block“ zu schaffen, der von „Sowjetsachsen“ und „Sowjetthüringen“ über Braunschweig bis in die kommunistischen Zentren Lübeck und Hamburg reichen sollte.

KPD galt als „einzig gefährliche revolutionäre Vereinigung“

In Hamburg war der von der KP-Führung erteilte Haltebefehl allerdings nicht rechtzeitig eingetroffen oder wurde – die Umstände sind bis heute nicht geklärt – bewußt ignoriert. Deshalb brach hier in der Nacht vom 23. auf den 24. Oktober 1923 ein Aufstand aus, der mit der Erstürmung von Polizeistationen in der Stadt und im Umland begann. Dem Vorstoß fielen etwa einhundert Menschen zum Opfer, in erster Linie Zivilisten, aber auch Aufständische und Beamte. Aber die Improvisation des Vorgehens und der fehlende Rückhalt ließen die Aktion schnell in sich zusammenfallen. Folgenlos blieb sie allerdings nicht, denn vom Ruhm des tragischen Helden umweht, begann Ernst Thälmann, bis dahin ein eher unbekannter Hamburger Funktionär, seinen Aufstieg an die Spitze der KPD. 

Thälmann sorgte auch dafür, daß nach dem kurzzeitigen Verbot der KPD der M-Apparat reorganisiert und mit dem Roten Frontkämpferbund eine eigene Parteiarmee geschaffen wurde. Das alles war möglich, weil die Partei nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden die bestimmende Größe der „politischen Kriminalität“ in Deutschland bildete und die „einzig gefährliche revolutionäre Vereinigung“, derer man sich aber, gerade „weil sie von Rußland aus geschürt, geleitet und mit Geldmitteln unterstützt“ wurde, nicht einfach entledigen konnte, ohne diplomatische Verwicklungen von erheblichem Ausmaß zu riskieren.