Der Krieg der Hamas gegen Israel hat sich in den israelischen Alltag eingefressen: Viele Geschäfte haben geschlossen, Schulen und Universitäten auf Online-Unterricht umgestellt. Zehntausende Israelis in den Grenzregionen zum Gazastreifen und zum Libanon haben ihre Häuser verlassen. Mehr als 300.000 Bürger sind zum Reservedienst einberufen worden und fehlen jetzt in Familien, der Wirtschaft und an Universitäten. Immer wieder ertönt Raketenalarm, auch in Gusch Dan, der dicht besiedelten Region rund um Tel Aviv.
Die israelische Armee befindet sich mehr als eine Woche nach den Massakern der Hamas in der zweiten Phase ihrer Kriegsführung: Zunächst hatten die Sicherheitskräfte mehrere Tage gebraucht, um das eigene Territorium vor allem in der sogenannten „Otef Asa“ (Gaza-Hülle), also der Region unmittelbar um die Küstenenklave, von den eingefallenen Terroristen zu säubern. Parallel dazu starteten die israelischen Verteidigungskräfte, „Tzahal“ genannt, ihre Militäroperation gegen Terrorziele im Gazastreifen (und auch gegen die Hamas im Westjordanland), die in der zweiten Phase in den Vordergrund des Geschehens gerückt sind.
Die Härte der Schläge in Gaza vom Land, vom Wasser und vor allem aus der Luft ist dabei nach Armee-Angaben präzedenzlos: mehrere hundert am Tag, zigtausende seit Beginn der Kampagne. Erstmals setzte die Armee dafür auch Sa’ar-6-Korvetten ein: deutsche Exporte aus Kiel. Bei den bisherigen Militärschlägen wurden nach israelischen Angaben mehrere führende Hamas-Kader getötet.
Der Krieg wird auch mit Bildern geführt
Mittlerweile wird auch in Israel allgemein erwartet, daß die Armee in einer dritten Phase zu einer umfassenden Bodenoffensive übergeht, nachdem der Gazastreifen durch die Militärschläge „von außen“ und einzelne Bodenoperationen im Innern dafür vorbereitet und die Reservisten sowie das Zusammenspiel der verschiedenen Einheiten ausreichend trainiert wurden. Die Armee selbst erklärte, man erhöhe die Einsatzbereitschaft „mit einer Betonung auf signifikanten Bodenoperationen“.
Weitreichende Bodenoperationen, die auch angesichts von wohl mehr als 200 Geiseln unausweichlich scheinen, würden sich zunächst auf den Norden der Küstenenklave konzentrieren, also vor allem auf Gaza-Stadt. Sie werfen unzählige neue Probleme auf. Der Gazastreifen ist ein städtisch geprägtes Gebiet. Die Armee hat die palästinensischen Zivilisten zwar seit Tagen dazu aufgerufen, in Richtung Süden zu evakuieren; dennoch dürfte ein Einmarsch unter ihnen noch mehr Opfer fordern, als es sowieso schon der Fall ist, was für Israel Probleme im Krieg um die Bilder mit sich bringt – schon jetzt haben international die mahnenden Worte eingesetzt.
Tödlich würde es aber auch für die israelischen Soldaten, die mit Hinterhalten der ortskundigen Hamas-Milizionäre aus allen Richtungen rechnen müssen, nicht zuletzt aus deren Tunnelsystem. Israels Sicherheitskräfte kennen Einsätze im urbanen Raum zwar gut. In den Gazastreifen etwa drangen sie auch 2014 ein. Allerdings hatten sie damals begrenzte Absichten, vor allem die Zerstörung der Tunnelinfrastruktur – nach kurzer Zeit zog man sich wieder zurück. Nun jedoch hat die politische wie die militärische Führung die vollständige Zerstörung der Hamas als Ziel ausgegeben. Mit den zahlreichen Anti-Terroreinsätzen der vergangenen Jahre ist das nicht zu vergleichen. Gadi Schamni, ehemaliger Kommandeur der Gazadivision der israelischen Armee, schätzte jüngst, man werde mindestens sechs bis acht Monate brauchen, um die Netzwerke der Hamas im Gazastreifen erfolgreich zu entwurzeln.
Selbst wenn das Ziel einer Ausschaltung der Hamas erreichbar sein sollte, stellt sich die Frage, wie es danach weitergehen soll. Die Islamisten sind nicht nur eine Terrorgruppe, sondern stellen auch die Regierung des Gazastreifens, die nach deren Zerstörung ersetzt werden müßte. Dafür geistern verschiedene Optionen durch den politischen Raum: Die Israelis könnten den Gazastreifen wieder selbst besetzen, wie sie es seit 1967 getan hatten, bis sie sich 2005 unter Ariel Scharon zurückzogen. Manch einer erinnert nun daran, daß einige Nationalreligiöse, darunter auch Vertreter der aktuellen Koalition, schon länger davon träumen, Scharons „Verrat“ rückgängig zu machen und sogar erneut Siedlungen zu errichten. Das ist aber aktuell nicht mehr als ein Hirngespinst. Schon eine Besetzung ohne Siedlungen ist kostenintensiv und schafft neue sicherheitspolitische Herausforderungen. Andere Optionen könnten eine Übertragung des Gebiets an eine internationale Verwaltung oder die Wiedereinsetzung der Autonomiebehörde von PLO-Chef Mahmud Abbas sein. Ob er selbst oder Israel das wollen: fraglich.
Einige Israelis halten einen Einmarsch im Gazastreifen indes grundsätzlich für einen strategischen Fehler. „Die Hamas kann nirgendwo weg und kann auch später noch erledigt werden“, schreibt etwa Michael Oren, früherer Botschafter in den USA: „Die Hisbollah hingegen befindet sich in weitem Raum und stellt in militärischer Hinsicht eine viel größere Gefahr als die Hamas dar.“ Damit fordert Oren einen Präventivschlag gegen die selbsternannte „Partei Gottes“, die sich vor allem im Süden des Libanon, aber auch in
Südwestsyrien mit schätzungsweise 150.000 teils lenkbaren Raketen festgesetzt hat.
Welche Absicht die Hisbollah im aktuellen Krieg verfolgt, kann nur gemutmaßt werden. Einige glauben, sie wolle aktiv in einen vom Iran gesteuerten Vernichtungskrieg gegen Israel einsteigen. Der iranische Außenminister Hossein Amir-Abollahian hat – wie auch sein US-Gegenpart Antony Blinken – seit Kriegsbeginn eine intensive Reisetätigkeit in der Region an den Tag gelegt. Andere hoffen, der Terrormiliz gehe es nur darum, die israelische Armee im Norden zu beschäftigen, um die Hamas zu entlasten.
Teheran als möglicher Drahtzieher
Die Spannungen an der Grenze zum Libanon haben sich seit Beginn des Krieges jedenfalls stark aufgeheizt. Inzwischen hat die Hisbollah auf der gesamten Länge der Grenze teils tödliche Raketen- und weitere Angriffe gegen Armeestellungen und auf die israelische Zivilbevölkerung durchgeführt oder durch andere durchführen lassen; Israel hat unter anderem mit Luftschlägen reagiert. Tamir Hajman, bis 2021 Chef des israelischen Militärgeheimdienstes AMAN, fürchtet, Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah sei von einem falschen Selbstbewußtsein getrieben, das einen umfassenden Krieg auslösen könnte, so wie 2006 geschehen. Damals bedauerte Nasrallah rückblickend, einen Überfall auf eine israelische Militärpatrouille angeordnet zu haben, die zum Krieg geführt hatte. Anders als seinerzeit und anders als die Hamas mit ihrem Überfall vom 7. Oktober hat die Hisbollah dieses Mal den Vorteil der Überraschung nicht mehr auf ihrer Seite. Würde sie trotzdem eine zweite Front eröffnen, so stünde als nächstes auch eine direkte Konfrontation Israels mit dem Iran, der sich in Syrien bereits festgesetzt hat, im Raum: Wie so oft zu Beginn solcher Kriege ist vieles ungewiß, zugleich aber fast alles denkbar.
Hisbollah
Die Hisbollah (arabisch: „Partei Gottes“) wurde 1982 als paramilitärische Organisation im Libanon gegründet. Ihr proklamiertes Ziel ist die Errichtung eines schiitischen islamischen Gottesstaates, sie wird maßgeblich vom Iran finanziert. Angeführt wird sie auf spiritueller Ebene von Irans Revolutionsführer Ali Chamenei. Oberbefehlshaber der bewaffneten Streitkräfte ist der im Libanon geborene Hassan Nasrallah. Seit 1992 ist die Gruppe durchgängig im libanesischen Parlament vertreten und war auch schon an Regierungen beteiligt. (st)
Hamas
Die Hamas (arabisch: Eifer, Kampfgeist, gleichzeitig ein Akronym aus „Harakat al-muqāwama al-islāmiyya“ –
Islamische Widerstandsbewegung) wurde 1987 als palästinensischer Ableger der ägyptischen Muslimbruderschaft gegründet. Die sunnitische Terrororganisation bezeichnet in ihrer Gründungscharta das Töten von Juden – nicht nur von Israelis oder Zionisten – als Pflicht jedes Muslims. Sie wird hauptsächlich vom katarischen Königshaus, aber auch vom Iran finanziert. Chef der Hamas ist der 1962 im Gazastreifen geborene Yahya Sinwar. (st)