Das Geräusch der Rotoren ist nicht zu überhören. Mehrere Helikopter von Polizei und Küstenwache kreisen in der Luft. Wenige Minuten später rasen Rettungs- und Polizeiwagen mit Blaulicht und Sirene vorbei. Ein kurzer Moment, der das Urlaubsidyll von Bodrum, einem Ort an der türkischen Westküste, nur wenige Kilometer von der griechischen Insel Kos entfernt, ein wenig bröckeln läßt. Nachfragen bei Hoteliers, Taxifahrern, Café- und Restaurantbetreibern. Was ist passiert? „Alles gut, vielleicht ein Unfall“ oder „Keine Ahnung“ lauten die schmallippigen Antworten.
Doch es ist nicht alles gut. Und es ist auch kein Unfall. Die Hubschrauber, das Blaulicht, die Sirenen, all das hat einen anderen Grund, über den Bodrumer Gastronomen eher weniger gern reden, weil es die zahlenden Gäste des Touristenortes irritieren könnte. Polizei und Küstenwache haben 48 Migranten an Land und auf dem Meer gefaßt, dazu zwei Schleuser dingfest gemacht. Ein Vorgang, der sich an den Küsten der Westtürkei mittlerweile wieder nahezu täglich abspielt.
Die dramatischen Bilder Tausender ankommender Migranten auf der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa sind gerade einen Monat alt (JF 39/23). Ein Kontrollverlust vor den Augen der Weltpresse, der nun droht, sich im östlichen Mittelmeer zu wiederholen.
Laut offiziellen Zahlen halten sich 3,7 Millionen syrische Migranten derzeit noch in der Türkei auf. Die meisten haben sich dort eine bescheidene Existenz aufgebaut. Jetzt aber sitzen viele von ihnen auf gepackten Koffern. Denn der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hatte im Wahlkampf angekündigt, einen Großteil der Migranten wieder zurück nach Syrien zu bringen.
Zahl der registrierten Einwanderer nach Griechenland verdoppelt
Die Stimmung im Land ist angespannt, Wirtschaftskrise und Migration setzten den Präsidenten während des Wahlkampfes im Sommer massiv unter Druck, die Opposition forderte die Ausweisung der Syrer, für deren Kommen sie auch den türkischen Staatschef verantwortlich machten.
„Erdoğan läßt bereits in Idlib Häuser für die Migranten bauen, um sie dort anzusiedeln“, sagt ein syrischer Insider der JF. Die im Nordwesten Syriens nahe der Grenze zur Türkei gelegene Region war Ende 2017 nach einer türkischen Militäroffensive zur „Deeskalationszone“ erklärt worden. Eine Zone, die nach den Vorstellungen des türkischen Staatschefs nun offenbar für einen Großteil der in der Türkei lebenden Syrer zur neuen Heimat werden soll.
Doch kaum ein Syrer möchte zurück, schon gar nicht in die politisch instabile Region von Idlib. Das bewegt viele, sich nun doch in Richtung Europa aufzumachen. Die Folge: Die Migrationszahlen steigen. 19.000 illegale Einwanderer zählten die griechischen Behörden allein bis zum 31. Juli dieses Jahres. Das ist bereits so viel wie im Vorjahr. Nahezu täglich machen sich mehr Menschen mit Schlauchbooten, auf Rettungsinseln oder Segelschiffen auf den Weg, um von der türkischen Westküste die nahe gelegenen griechischen Inseln in der Ägäis zu erreichen.
Wir schauen uns im Istanbuler Stadtteil Fatih um. Hier zeigt sich, wieviel politischer Sprengstoff in dieser Entwicklung liegt und wer da schon bald alles nach Europa und damit zumeist nach Deutschland kommen könnte. Nahe der namensgebenden Fatih-Moschee findet sich der Malta-Basar. Der Ort ist fast ausschließlich von Migranten aus Syrien bewohnt. „Bei vielen davon handelt es sich um fanatische Islamisten, die während des Bürgerkrieges vor dem Assad-Regime geflohen sind“, erklärt unser syrischer Informant.
Die JF begibt sich an den Ort, macht sich ein Bild von der Lage. Viele der Frauen tragen Niqab oder Tschador. Eine Vollverschleierung also, die nur Augen oder Gesicht freiläßt. Kinder rennen durch die Straßen, betteln um Almosen. Ebenso eine vollverschleierte Frau mit Baby auf dem Arm. Die Armut ist groß. Mit Englisch kommen wir nicht weiter. Per Übersetzungsprogramm kommt die JF mit einem Restaurantbesitzer ins Gespräch. Ein Mann um die 40 Jahre alt, seinen Namen möchte er nicht sagen.
Auch er komme aus Syrien, sagt er. Inzwischen habe er jedoch die türkische Staatsangehörigkeit angenommen. „Als Syrer darfst du hier nicht so ohne weiteres ein Restaurant eröffnen, da gibt es hohe Auflagen“, schildert er auch gleich einen entscheidenden Grund für seinen Entschluß. „Viele Geschäfte hier werden von Syrern mit türkischer Staatsangehörigkeit betrieben.“ Noch vor einigen Jahren habe die Regierung in Ankara großzügig Einbürgerungen bei den Syrern vorgenommen, sagt er. Mehr als eine halbe Million Syrer erhielten im Laufe der Jahre die türkische Staatsangehörigkeit. „Erdoğan wollte die zahlreichen Islamisten unter den geflohenen Syrern als potentielle Wähler für sich gewinnen“, ist sich der Mann sicher.
Doch diejenigen, die keine Einbürgerung erhielten sollen jetzt gehen. „Es kommen hier regelmäßig Polizisten durch die Straßen, die die Ausweise kontrollieren“, sagt der Restaurantbesitzer. Der Stadtteil Fatih ist zu einem Anlaufpunkt für die Syrer in der Türkei geworden. „Viele dürften eigentlich gar nicht hier sein. Ihr Aufenthalt ist auf eine spezielle, ihnen zugeteilte Region beschränkt.“ Daran halten würde sich jedoch kaum einer. „Die Leute kommen nach Istanbul, um Arbeit zu finden oder um mit Schleusern über einen Weg nach Europa zu verhandeln. Viele von ihnen finden Arbeit als Müllsammler oder als Aushilfskraft in den besagten Cafés und Restaurants des Viertels. Der Stadtteil Fatih sei dabei vor allem aufgrund seines hohen Anteils an Syrern zu einem Anlaufpunkt geworden. Speziell der Malta-Basar mit seiner unmittelbaren Nähe zur großen Moschee gelte dabei als erste Adresse, so der Gastronom.
Aber auch zahlreiche Palästinenser würden sich hier aufhalten. „Das dürften jetzt wohl bald noch mehr werden“, vermutet er angesichts der Hamas-Massaker im Süden Israels. Schon jetzt sei deren Anteil unter den Migranten nicht zu unterschätzen. Mit 18 Prozent stellten die Palästinenser im Vorjahr sogar die größte Zuwanderergruppe, die die griechischen Inseln erreicht hatten. Ein Pulverfaß ist im Begriff zu entstehen.
„Nach der Wahl hat sich das Klima verändert, Erdoğan will jetzt sein Versprechen einlösen und die Migranten aus dem Land haben.“ Früher seien die Leute zu ihm gekommen, um nach Arbeit zu fragen. „Jetzt werde ich immer öfter gefragt, ob ich helfen könne, nach Europa zu kommen.“ Auch von Palästinensern, unter denen er eine „gewisse Euphorie und heimliche Freude“ nach dem Hamas-Überfall wahrgenommen habe.
Keine zwei Kilometer vom Malta-Basar entfernt befindet sich die Schleuser-Drehscheibe von Aksaray, einem weiteren Viertel von Fatih (die JF berichtete). Auch hier sind die Veränderungen zu sehen. In den Grünanlagen sitzen jetzt keine Migranten mehr. An der Metrostation und in den Straßenbahnen führen Polizisten Ausweiskontrollen durch. Einige Syrer werden auf offener Straße abgeführt. „Oftmals holt die Polizei die Leute einfach von der Straße und bringt sie nach Syrien“, erzählt der Restaurantbesitzer.
Doch während die Migranten aus den Parkanlagen vertrieben wurden, floriert das Schleusergeschäft in dem Viertel mehr denn je. „Die meisten wollen per Boot auf die griechischen Inseln gelangen“, erzählt der Restaurantbetreiber. Aber auch die türkisch-griechische Landgrenze am Evros würde trotz neuer Zäune immer noch aufgesucht.
Griechische und türkische Grenzschützer halten die Hand auf
„Es kommen täglich mehr“, bestätigt auch Halit, ein Bootsbetreiber, mit dem die JF in Bodrum ins Gespräch kommt. Während sich viele beim Thema Schleuser und Migration bedeckt halten, redet der 32jährige überraschend offen über ein Geschäft, in das er sogar selbst involviert ist.
Seine einzigen Bedingungen für ein Gespräch: Keine Namen, kein Treffen auf seinem Boot. Daß er selbst regelmäßig Migranten von Bodrum hinüber nach Kos bringt, gibt er freimütig zu. Halit hat sich dabei seine ganz eigene Moral zurechtgelegt. „Schau, die Migranten werden doch sowieso früher oder später nach Europa kommen. Wenn ich sie nicht rüberbringe, dann machen es andere, und die verdienen dann das Geld. Jeder ist doch froh über Zusatzgeschäfte.“ Covid, Inflation und Wirtschaftskrise würden die Menschen nun einmal dazu zwingen, sich „auch andere Einnahmequellen zu suchen.“
Täglich bekomme er neue Anfragen von „Klienten“ , mittlerweile führe er sogar eine Warteliste. Das Geschäft laufe recht einfach ab. „Schleuser kommen und mieten mein Boot. So wie normale Touristen.“ Nur mit dem Unterschied, daß sich der Vorgang nicht tagsüber, sondern in der Nacht abspiele. Er zeigt auf eine Reihe von Booten, die sich im Hafen von Bodrum aneinanderreihen. „Die sind alle zu mieten“, sagt er. „Und dann kannst du dir vorstellen, daß es viele gibt wie mich, die das Geld gut gebrauchen können.“
Doch was ist mit der türkischen Küstenwache und der griechischen Marine? „Gar nichts“, entgegnet Halit und grinst. Auf beiden Seiten hätten die Schleuser ihre Leute unter den Grenzschützern. Leute, die ebenfalls an der Migration mitverdienen würden und Bestechungsgelder dafür erhalten, wie er sagt. „Alles von den Schleusern organisiert, ich bin nur das Transportmittel.“
Vor ein paar Tagen sei ein Segelboot von der türkischen Küstenwache aufgegriffen worden. „Das waren Idioten“, meint Halit. „Passiert immer wieder, wenn Schleuser die Bestechungsgelder nicht zahlen wollen, um bei den Migranten den Preis zu drücken. Die wissen schon vorher, daß ihre Kunden auffliegen und zurückgebracht werden. Und dann kassieren andere sie nochmal ab, diesmal mit dem Bestechungsgeld eingerechnet.“
Das Schleusen von Menschen sieht er nicht als verwerflich an. „Jeder hat nur Vorteile“, meint er. „Die Migranten wollen nach Europa. Okay, ich helfe ihnen dabei.“ Die türkische Regierung wolle die Syrer ohnehin loswerden. „In Ordnung, ich kümmere mich darum.“ Und was ist mit den Europäern? „Die Europäer haben doch keine Leute und brauchen Arbeitskräfte. Ich liefere sie ihnen“, redet er sich die Situation zurecht.
Er deutet auf eine Gruppe von fünf jungen Männern, dem Aussehen nach zwischen 20 und 25 Jahre alt. „Die gehen morgen rüber“, sagt er so beiläufig, als wäre es die normalste Sache der Welt. Ein weiterer Bootsbetreiber sei für ihren Transport zuständig. Saubere Turnschuhe, neue Kleidung, frischer Haarschnitt, gepflegte Bärte. Wer an diesen Männern vorbeiläuft, würde niemals auf den Gedanken kommen, daß es sich bei ihnen um syrische Migranten handelt.
„Gehört alles zur Show dazu“, verrät Halit auf Nachfrage. Die Tarnung von Migranten als Touristen war der JF schon bei vorherigen Recherchen in der Region aufgefallen. „Du bekommst, was du bezahlst. Niedriger Preis bedeutet immer höheres Risiko“, erklärt der Bootsbetreiber. Zwischen 4.000 und 9.000 Euro pro Person würden bei seinem „Service“ fällig, etwa 1.000 Euro davon würden für ihn abfallen.
Wie und wo die Schleuser in der Ägäis operieren und was derzeit auf der griechischen Insel Kos vor sich geht, lesen Sie in der nächsten Ausgabe der JUNGEN FREIHEIT.