Die Ergebnisse sind besorgniserregend – und das gilt auch für die Bundesländer, die noch verhältnismäßig gut abschneiden. Die Deutsch-Leistungen von Neuntkläßlern haben sich seit 2015 deutlich verschlechtert. Etwa jeder dritte scheiterte im vergangenen Jahr bei deutschlandweiten Tests an Mindeststandards für den mittleren Schulabschluß im Bereich Lese- und Hörverständnis und mehr als jeder fünfte verfehlte diese im Bereich Rechtschreibung. Zu diesem Ergebnis kommt das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) in seiner Untersuchung, die vergangenen Woche von der Kultusministerkonferenz (KMK) in Berlin vorgelegt wurde.
Soziale Medien sorgen für bessere Englischkenntnisse
Über 30.000 Neuntkläßler an mehr als 1.500 Schulen in Deutschland mußten in der vorliegenden Testserie Aufgaben in Deutsch und Englisch lösen. Sie bekamen schriftliche Texte und Hörtexte und mußten danach inhaltliche Fragen beantworten, um zu prüfen, wie gut sie die Texte verstanden haben. Es war die dritte Erhebung dieser Art nach 2015 und 2009. Die Ergebnisse im Fach Deutsch „sind in hohem Maße besorgniserregend“, teilten die Studienautoren mit. Die Untersuchung stellt erhebliche Unterschiede zwischen den Bundesländern fest. Bayern und Sachsen schneiden demnach besser ab, Berlin, Bremen und Nordrhein-Westfalen zum Teil deutlich schlechter. In Bremen verfehlt fast jeder zweite Schüler einer neunten Klasse (47 Prozent) die Mindeststandards beim Lesen deutscher Texte. In Berlin sieht es nicht viel besser aus, hier liegt die Quote bei 41 Prozent. Zum Vergleich: In Sachsen sind es weniger als ein Viertel (23 Prozent), die beim Lesen die Mindestanforderungen verfehlen, in Bayern, Thüringen und Sachsen-Anhalt je 27 Prozent.
Als eine der Hauptursachen für die abnehmenden Leistungen machten die Studienautoren immer noch die Folgen der Corona-Pandemie verantwortlich. Es sei davon auszugehen, „daß der Fern- und Wechselunterricht, der bundesweit über längere Zeiträume umgesetzt wurde, die ungünstigen Entwicklungen im Fach Deutsch in nicht unerheblichem Maße mit verursacht hat“, schreiben sie. Die Neuntkläßler, die im vergangenen Jahr getestet wurden, besuchten zu Beginn der Pandemie die siebte Klasse.
Erstaunlicherweise sind die Ergebnisse bei der Abfrage der Englisch-Kenntnisse im Vergleich besser geworden. Vor allem die stärkere Nutzung von digitalen Medien und Inhalten auf englisch während der Corona-Pandemie könnte nach Einschätzung der Autoren zu dem Ergebnis beigetragen haben. Plattformen wie Tik Tok, Youtube und Streamingdienste hätten sich als „außerschulische Lerngelegenheiten“ erwiesen.
Neben den Unterrichtsausfällen während der Lockdowns ist vor allem der gestiegene Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund der wohl wichtigste Grund für die mangelhaften Leistungen. Dieser hat sich bundesweit seit dem Jahr 2009 um rund elf Prozentpunkte erhöht. Die Studie ergibt, daß 38 Prozent der Neuntkläßler entweder Eltern haben, die nicht in Deutschland geboren wurden, oder selbst im Ausland geboren sind. „Im Fach Deutsch sind zwar alle Jugendlichen, auch die ohne Zuwanderungshintergrund, von negativen Trends betroffen. Neuntkläßler mit Zuwanderungshintergrund erreichen aber signifikant geringere Kompetenzen“, heißt es in dem Papier. Vor allem Jugendliche der ersten Einwanderergeneration wiesen demnach „fast durchgängig einen besonders großen Kompetenzrückstand auf“.
Wie ernst die Lage ist, zeigen Reaktionen aus Ländern, die noch vergleichsweise gut abgeschnitten haben. Die baden-württembergische Kultusministerin Theresa Schopper sah die Ergebnisse der Studie als eine Bestätigung ihrer Schwerpunkte. Man habe sich vom negativen Bundestrend abgekoppelt. Der FDP-Bildungsexperte Timm Kern konterte wenig schmeichelhaft: „Das ist fast so, als würde man unsere Olympiamannschaft beim Schwimmen dafür feiern, daß niemand bei dem Wettbewerb ertrunken ist.“