© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de 27/23 / 30. Juni 2023

Jäger der verlorenen Antikythera
Kino II: Der fünfte „Indiana Jones“-Film mit Harrison Ford zieht alle Register des Abenteuer-Genres und ist einfach umwerfend
Dietmar Mehrens

Am Anfang ist erst mal alles deutsch. Die ersten Dialoge sind (auch im Original) auf deutsch, die ersten Szenen spielen in Deutschland, und der gefährlichste Gegenspieler von Dr. Henry Jones (Harrison Ford) ist der deutsche Hollywood-Export Thomas Kretschmann. Daß Ford, Jahrgang 1942, den zwanzig Jahre jüngeren Dessauer dabei alt aussehen läßt, liegt nicht nur an der Schlagfertigkeit des verwegenen Haudegens, in dessen Rolle er jetzt zum fünften Mal geschlüpft ist, sondern auch an den neuesten Finten aus der Computer-Trickkiste: Ein verjüngter Indy-Avatar irritiert nicht nur Thomas Kretschmann als Nazi-Oberst, sondern auch den Zuschauer, der den Indiana-Jones-Darsteller Anfang der Achtziger in „Jäger des verlorenen Schatzes“ gesehen hat und kaum einen Unterschied feststellen kann.

Das McGuffin, so nannte Hitchcock den austauschbaren Gegenstand, der Filmhelden und Publikum in Atem hält, ist diesmal eine „Antikythera“. Das klingt nach „antik“ und ist es auch. Es handelt sich um ein chiffrenbesetztes Räderwerk, das der griechische Gelehrte Archimedes einst für die Schlacht um Syrakus im Zweiten Punischen Krieg entwickelte. Mit diesem „Rad des Schicksals“ lassen sich Risse in der Zeit lokalisieren und – man ahnt es schon – Reisen in die Vergangenheit bewerkstelligen. Die Antikythera verleiht also quasi-göttliche Macht und spielt mithin eine ähnliche Rolle wie die Bundeslade im ersten Film der Reihe. Schon in der bei James Bond abgeschauten Anfangssequenz sind alle hinter dem Gegenstand her, nicht nur der Oberst, der für Hitler Kunstschätze raubt, sondern auch dessen wissenschaftlicher Berater Professor Schmidt alias Jürgen Voller, dargestellt vom 007-erprobten Mads Mikkelsen.

Voller wird dem Vollblutarchäologen 25 Jahre später, im Amerika der Hippies und Vietnamkriegsgegner, erneut das Leben schwermachen. Zunächst mal hat aber Helena Shaw (Phoebe Waller-Bridge) ihren ersten Auftritt. Sie ist die Tochter von Basil Shaw (Toby Jones), der Dr. Jones bei der furiosen Verfolgungsjagd im und auf dem Zug mit der NS-Raubkunst zur Seite stand. Zu Wasser, zu Lande und in der Luft geht diese Jagd nun weiter. Sie führt nach Tanger, Griechenland und schließlich nach Syrakus, wo im Höhlengrab des Archimedes die zweite Hälfte des Schicksalsrades verborgen liegen soll. Was nicht in den Londoner Pinewood Studios nachgestellt wurde, hat James Mangold, der das Projekt von Steven Spielberg erbte, tatsächlich an Originalschauplätzen in Marokko und auf Sizilien gedreht. Die finstere Grotte, in der Archimedes ruht, ist aber keineswegs die Endstation dieses turbulenten Abenteuers, sondern Ausgangspunkt der spektakulärsten Reise, die Indiana Jones jemals unternommen hat. Und einiges spricht dafür, daß es eine Reise ohne Wiederkehr ist.

Die Gesetze der Logik bleiben auf der Strecke 

Er habe sich seinem eigenen Alter stellen wollen, bekannte Harrison Ford Ende Mai in Cannes bei der Welturaufführung des Films. „Ich wollte die Figur immer bis zu diesem Alter hin entwickeln“, sagte der Achtzigjährige. „Ich wollte ihn vom Alter entwaffnet sehen. Ich wollte ihn entmutigt sehen.“ Für diese Resignation des gealterten Helden sorgt die Trennung von seiner Frau und der Verlust von Sohn Mutt, den im vierten Film der Reihe Shia LaBeouf verkörpert hatte. 

Der schwache Teil vier gipfelte in einem abstrusen Effekte-Hokuspokus und wurde zur unfreiwilligen Parodie seiner selbst. Mangold wiederholt solche Fehler nicht. Mit zahlreichen Anleihen bei älteren Filmen, mit ironischen Verweisen insbesondere auf „Jäger des verlorenen Schatzes“ und einem Tempo, das nicht nur den Filmhelden permanent in Atem hält, ist „Indiana Jones und das Rad des Schicksals“ das Kinovergnügen des Jahres, ein im wahrsten Sinne des Wortes umwerfender Film. Auch wenn das – wie immer bei den Abenteuern des Archäologen mit Hut und Peitsche – bedeutet, daß zuallererst mal die Gesetze der Logik umgeworfen werden.