Gewachsene Ordnung und Legitimitätsprinzip waren für Clemens von Metternich Orientierung, moderne Verfassung, die Selbstbestimmung der Nation als Grundlage des Staates oder gar Revolution hingegen galten ihm als Übel. Der „Kutscher Europas“ lenkte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Geschicke des Kontinents und schuf mit seinem diplomatischen Meisterstück, dem Wiener Kongreß von 1814/15, eine über Jahrzehnte anhaltende Friedenskonstellation. Zur Last gelegt werden ihm bis heute Antiliberalität und Unterdrückungsmaßnahmen. Dabei wird oft übersehen, daß die Friedenssicherung für ihn eine auch stark persönlich motivierte Handlungsmaxime darstellte, die er durch zugestandene Freiheitsrechte in Gefahr sah. Krieg und Gewalt waren ihm zeitlebens zuwider. Der am 15. Mai 1773 in Koblenz geborene Graf Metternich, die Erhebung in den Fürstenstand erfolgte erst 1813, erfuhr in Straßburg eine umfassende diplomatische Ausbildung. Geprägt war er von der Welt des Alten Reiches.
Aufgrund des Vorgehens der französischen Revolutionstruppen ging 1794 der rheinische Familienbesitz verloren. Metternich suchte Zuflucht in Wien. Von dort aus begann sein Aufstieg im Dienst seiner neuen Heimat Österreich. Charismatisch war er nicht, um so mehr galt er als Genie des Verhandelns, was auch Gegner nie in Abrede stellten. 1801 wurde er Gesandter in Dresden, wo er Friedrich von Gentz kennenlernte, der einer seiner engsten Vertrauten werden sollte. 1803 wechselte er nach Berlin, 1806 nach Paris. Dies entsprach einem ausdrücklichen Wunsch Napoleons, den Metternich seinerseits als „fleischgewordene Revolution“ betrachtete.
Auch wenn Fehleinschätzungen des Gesandten Metternich wesentlich dazu beigetragen hatten, das Land an die Seite der Gegner Frankreichs zu führen, was mit dem verlustreichen Frieden von Schönbrunn vom Oktober 1809 endete, wurde er zum österreichischen Außenminister ernannt. Dieses Amt sollte er über nahezu vier Jahrzehnte bekleiden. Diplomatisch geschmeidig, allerdings auch über wenig Handlungsspielraum verfügend, machte Metternich Österreich nun zum Bündnispartner Frankreichs. Angenehm war ihm dieser Wechsel nicht, er fühlte sich bemüßigt zu erklären: „Meine Grundsätze stehen unverrückbar fest; aber gegen die Notwendigkeit kann niemand kämpfen“. 1810 arrangierte Metternich die Ehe zwischen Napoleon und Marie-Louise, einer Tochter des österreichischen Kaisers Franz I. Der „Kaiser der Franzosen“, der trotz seines fulminanten Aufstiegs stets mit seiner Herkunft haderte, betrachtete diese Verbindung als Prestigegewinn, Österreich verschaffte sie die dringend benötigte Atempause.
Nach dem Scheitern der Franzosen in Rußland sorgte Metternich dafür, daß sein Land abermals die Fronten wechselte. Legendär wurde sein Zusammentreffen mit Napoleon am 26. Juni 1813 im Dresdner Palais Marcolini. In dem ungeplant langen Gespräch unter vier Augen bemühte sich der österreichische Außenminister um Vermittlung. Der Krieg, so bemerkte er einmal, besudle alles, „sogar unser Denken. Deshalb arbeite ich für Frieden, trotz der Proteste von Dummköpfen und Narren.“ Napoleon zeigte sich in Dresden wenig konziliant. Abgestoßen überlieferte Metternich, der Franzose habe sich in Rage geredet und schließlich ausgerufen, „ein Mann wie ich scheißt auf das Leben von einer Million Menschen!“
Mit der Unterzeichnung der Wiener Kongreßakte am 9. Juni 1815, eine reichliche Woche vor Napoleons endgültiger Niederlage bei Waterloo, hatte Metternich für einen Ausgleich der europäischen Interessen und ein weithin stabiles Gleichgewicht gesorgt. Die über neun Monate in der österreichischen Hauptstadt tagende Versammlung war strenggenommen kein Kongreß, da niemals eine offizielle Eröffnung und auch keine Plenarverhandlungen, sondern lediglich Einzelgespräche der Fürsten und Regierungsvertreter stattfanden. Auch wurde reichlich gefeiert, wofür Metternich Sorge getragen hatte. Er selbst konnte Hofleben und Repräsentation wenig abgewinnen.
Er formte die Heilige Allianz von Österreich, Preußen und Rußland
Die Heilige Allianz, zu der sich Österreich, Preußen und Rußland im Herbst 1815 zusammenschlossen und der in der Folge fast alle europäischen Staaten beitraten, wurde maßgeblich durch Metternich geformt, der erklärte: „Wir (...) Menschen von monarchischer Überzeugung können uns von den Worten: Gott, Monarch, Vaterland nicht trennen, sie bilden für uns ein unauflösliches Ganzes.“ Dem nachnapoleonischen Frankreich stärkte er den Rücken, einer befürchteten russischen Hegemonie wirkte er entgegen und setzte weiterhin auf Kongreßpolitik. Im ebenfalls 1815 formierten Deutschen Bund führte Österreich und mithin Metternich den Vorsitz.
Im Jahr 1819 ergingen die Karlsbader Beschlüsse, die symbolträchtig für die Kontrolle der Öffentlichkeit stehen. Angestoßen wurden die dort beschlossenenen Restriktionen von dem tödlichen Attentat auf August von Kotzebue durch den Studenten Karl Ludwig Sand am 23. März 1819, der den Dichter als „Reaktionär“ betrachtete. Metternich zeigte sich entsetzt, daß „gemordet wird im Namen der Menschenliebe“. Das vielfach gescholtene „System Metternich“ und dessen Freiheitsbeschränkungen hatte er tatsächlich nur bedingt zu verantworten. Auch wenn er seit 1821 den Titel Staatskanzler führte, war sein Einfluß auf die inneren Angelegenheiten eher begrenzt. Föderale Reformideen scheiterten an Kaiser Franz I. Metternich selbst meinte: „Ich habe mehrmals Europa in meinen Händen gehalten, Österreich nie.“
Seine erste Ehe, die er 1795 mit Eleonore von Kaunitz, der Enkelin des Staatskanzlers Maria Theresias geschlossen hatte, hatte erheblich zu seinem Aufstieg beigetragen. Zeitlebens unterhielt „le beau Clement“ zahlreiche Affären, hervorzuheben ist die auch intellektuell enge Verbindung zu Dorothea von Lieven, die er 1818 kennengelernt hatte. Unsäglich eitel und von sich überzeugt ist er gewesen, seine diesbezüglichen Äußerungen sind Legion. Völlig ernst gemeint war es, wenn er erklärte, er sei „eine Art moralische Macht in Deutschland und vielleicht in Europa geworden – eine Macht, die an dem Tage, wo sie verschwindet, die Leere spürbar macht!“ oder er sei „einzig unter so vielen Millionen Menschen, verpflichtet (...) zu denken, handeln, schreiben für die anderen, die es nicht können“. Berüchtigt waren seine umfangreichen Ausarbeitungen – wobei er selbst sagte, er sei ein Mann, „der seinen Gegner tötet, indem er ihn mit Langeweile erstickt“.
Die revolutionären Vorgänge des Jahres 1848 bedeuteten seinen Sturz. Nach zeitweiligem Exil ist er am 11. Juni 1859 in Wien gestorben. Treu geblieben war er sich bis zum Schluß. Bilanzierend bemerkte er noch im unfreiwilligen Ruhestand: „Meinem Geist hat sich niemals der Irrtum genähert.“