© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de 14/23 / 31. März 2023

Zwischen Reichstag und Kanzleramt
Out-of-the-box-Vermeidungsgebot
Paul Rosen

Als Franz Josef Strauß den politischen Ton in Deutschland noch maßgeblich mitbestimmte, mußten Reden führender Politiker gewissen Standards genügen: in einem Bierzelt für mehrere tausend Zuhörer gut verständlich und Begeisterungsstürme auslösend. So formulieren zu können, gehörte zur Grundausstattung der Politiker. 

Was sich diesbezüglich geändert hat, ­haben Forscher der Universität Hohenheim untersucht und dazu 96 Reden, die im September 2022 im Bundestag bei der Beratung des Bundeshaushalts gehalten wurden, unter die Lupe genommen. In ihrem Index spielten verschiedene formale Kriterien wie die Länge der Sätze und der Gebrauch von unverständlichen Begriffen eine Rolle. Die Ergebnisskala reicht von 0 (überhaupt nicht verständlich) bis 20 (sehr verständlich). Man kann sicher sein, Franz Josef Strauß hätte seinerzeit über 20 gelegen, während einer seiner Nachfolger, Edmund Stoiber, häufig in den Minusbereich gerutscht wäre. Denn Stoiber pflegte sich nicht nur gelegentlich selbst ins Wort zu fallen, sondern auch Sätze nicht zu beenden.

Die Hohenheimer Forscher wiesen Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und Oppositionsführer Friedrich Merz (CDU) mit einem Punktestand von 16,3 bzw. 15,4 für ihre Reden einen Platz im Mittelfeld zu. Daß die damalige Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) trotz Verwendung des „denglischen“ Begriffs „Out-of-the-box-Denken“ die leicht verständlichste Rede (18,4) gehalten hat, ist nicht überraschend, denn Lambrecht pflegte in sehr einfachen Sätzen zu sprechen. Das genaue Gegenteil davon ist die für ihre Schachtelsätze gefürchtete grüne Umweltministerin Steffi Lemke (8,6).  

Von den Rednern ohne Regierungsamt hielt Gesine Lötzsch (Linke) die formal verständlichste Rede (19,5). Es folgen Jens Spahn (CDU) und Leif-Erik Holm (AfD). Die formal unverständlichste Rede wurde bei der Debatte über den Etat des Verteidigungsministeriums bei Kerstin Vieregge (CDU) entdeckt. Insgesamt hielten Redner der Linkspartei die verständlichsten Reden, gefolgt von denen der Union. Als besonders unverständlich gelten Redner der FDP sowie der AfD. Fremdwörter, Wortkompositionen, Anglizismen und vor allem „Denglisch“, also die Zusammenfügung von deutschen und englischen Wörtern erschweren die Verständlichkeit. Ein Beispiel dafür sind die von Alexander Graf Lambsdorff (FDP) erwähnten „Outreach-Projekte“. Wenn solche Begriffe dann noch in Bandwurmsätze gepackt werden, ist die Verständlichkeit endgültig dahin.

Auf den Spuren von Edmund Stoiber, dem unerreichten Meister des Bandwurmsatzes, wandelt zum Beispiel die AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel, von der sich ein Satz mit 157 Wörtern im Protokoll findet. Dahinter bleiben Karsten Klein (FDP) mit einem Satz von 88 Wörtern und Friedrich Merz (CDU) mit einem Satz von 83 Wörtern zurück. Klein hat immerhin mit dem „Bundeswehrbeschaffungsbeschleunigungsgesetz“ das längste in der Debatte gefundene Wort gebraucht.