© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. www.jungefreiheit.de 46/04 05. November 2004

Die deutsche Nacht

 

Feier mit Sekt und Deutschlandfahne

Als ich elf wurde und in die vierte Klasse ging, fing meine Klasse mit dem Fremdsprachenunterricht an. In unserer Schule war es Deutsch. Als mein älterer Cousin davon erfuhr, kommentierte er das Ereignis auf seine ihm eigene, spöttisch-belehrende Weise: "Merk es dir gut: Deutsch ist die Sprache unserer Feinde".

Diese Aussage wollte ich nicht beherzigen. Denn obwohl ich noch jung war, wußte ich: Neben dem feindlichen Westdeutschland, wo angeblich lauter Nazis und böse ausbeuterische Kapitalisten herumgeisterten, gab es doch noch die DDR, einen treuen Freund der Sowjetunion, wo es auch Pioniere und Komsomolzen gab und woher die sowjetischen Touristen öfters schicke Kleidung und witzige gummiartige Süßigkeiten mitbrachten.

Merke dir gut: Deutsch ist die Sprache unserer Feinde

Diese beiden "Deutschländer" haben miteinander wahrhaftig nichts gemeinsam, dachte ich. Und die Guten im Osten waren von den Bösen im Westen - Gott sei dank! - gut geschützt: durch eine dicke lange Mauer, über die man nicht rüber konnte. Hin und wieder schickten die Deutschen in die Sowjetunion zwar ein paar ihrer Spione herüber, die überall herumschnüffelten und einige Schwächlinge durch teuere Geschenke verdarben und für westliche Spionagedienste warben.

Deshalb warnte man uns Viertkläßler rechtzeitig: Mit den Menschen aus Deutschlands Westen sollt ihr immer auf der Hut sein! Und da sich ein Westdeutscher sehr leicht als Ostdeutscher tarnen konnte, verbot man uns jeden persönlichen Kontakt mit den Touristen aus beiden Teilen Deutschlands. Wahrscheinlich als Prophylaxe.

Da wir sehr gute Deutschlehrer hatten, kamen in unsere Schule regelmäßig Touristengruppen - aus Ost und aus West. Sinngemäß durften wir Kinder mit keinem von den ausländischen Tanten und Onkeln sprechen. Ihnen zeigten wir uns nur brav und fleißig im Unterricht und unterhielten sie dann mit einem Tanz- und Musikprogramm. Damit endete unsere Freundschaft mit den Deutschen. Nicht einmal Süßigkeiten als Dank für unsere Show durften wir von den ausländischen Gästen annehmen: Zunächst sei so etwas einfach erniedrigend, belehrte man uns, außerdem - wer weiß - könnten die Süßigkeiten ja vergiftet sein...

Warum uns unsere ostdeutschen Freunde hätten vergiften sollen - das wollte mir trotz meiner großen Denkanstrengung nicht in den Kopf. Wie ich auch nicht verstehen konnte, warum meine Brieffreunde aus der DDR, Bulgarien und der Tschechoslowakei einander nicht einfach besuchen durften. Diese vollständige Abschirmung der einfachen Sowjetmenschen von ausländischen Staaten, sogar von denen, die der Sowjetunion freundlich gesonnenen waren, bedeutete für mich "die Mauer". Mitte der Achtziger war von Gorbatschows Perestrojka noch kaum etwas zu spüren. Die sowjetische Propaganda-Maschinerie lief noch auf volle Touren.

Die richtige Wende kam etwas später. Dafür war sie sehr überraschend. Der Wind der Veränderungen setzte plötzlich ein. Die neue Denkweise, Glasnost und Perestrojka verbreiteten sich schneller, als es vielen lieb und recht war.

Und das Tempo der Umwandlungen konnten nicht alle mithalten. Zum Beispiel unsere Lehrbücher, nach denen wir Deutsch lernten. Es waren weiterhin indoktrinierende Ausgaben der alten kommunistischen Gehirnwaschverlage. Über die Texte, in denen der Rhein als Kloake bezeichnet wurde und die schmarotzenden Westdeutschen nur von der Ausbeutung der armen Gastarbeiter leben sollten, machten wir Teenager uns nur lustig. Unsere Wortschatz- und Grammatikfähigkeiten übten wir damit, diese lächerlich klingenden Dogmen zu kritisieren.

Deutschland nach 1990 ganz anders kennengelernt

Als die Mauer fiel, waren wir 15. Bald darauf fuhren wir zum ersten Mal nach Deutschland, in dessen westlichen Teil sogar - nach Helmstedt. Diesmal durften die Schüler mit den einstig verfeindeten Westdeutschen nicht nur sprechen, sondern auch bei ihnen wohnen. Es war ein großartig offener Schüleraustausch, in dem wir Deutschland ganz anders entdeckten als in unseren alten Lehrbüchern beschrieben!

Daß die Wiedervereinigung Gorbatschows großer Verdienst war, das war uns damals leider nicht bekannt. In seiner Heimat war der Vater der Perestrojka überhaupt nicht so populär wie im Ausland.

 Tatjana Montik

 

 

Einer der Ersten auf der Berliner Mauer

Am frühen Abend des 9. November 1989 befand ich mich gerade in der Wohnung meiner Eltern in der Nähe des Kurfürstendamms. Einige Tage früher noch, am 4. November, hatte ich an der Großdemonstration im Ostteil der Stadt teilgenommen und am Abend Volkspolizei-Verhöre über mich ergehen lassen. Nach den Nachrichten von der Öffnung der Grenzen fuhren mein Vater und ich unverzüglich zum Brandenburger Tor. Vor der Mauer hielten sich schon kleine Menschengruppen und noch vereinzelte Stasileute in Zivil auf. Irgendwann bestiegen ich und einzelne andere die Mauer vor dem Tor und verharrten auf dieser. Dann marschierte Grenztruppe auf und bildete eine Menschenkette zwischen Tor und Mauer. Es wurden Luken im Boden geöffnet und zwei Wasserspritzen montiert, mit denen versucht wurde, uns einzeln von der Mauer herunterzujagen. Vom harten Wasserstrahl mehrfach getroffen, stieg ich irgendwann wieder herunter, es wurde kalt. Später erfuhren wir, daß es am Grenzübergang Invalidenstraße von Osten her ohne Visum gelungen war, die Anlagen zu durchqueren! Kurzentschlossen ging es dorthin. Hier wälzte sich schon unter dem Beifall der West-Berliner ein dichter Autokordon zwischen den Wach- und Sperranlagen hindurch gen Westen. Wir zwei allerdings drängelten uns jetzt nach Osten durch, auch wenn ich nicht einmal meinen Ausweis dabeihatte, und liefen die Invalidenstraße hinauf, bis zur Friedrichstraße. Wir spazierten dann ganz allein durch eine dunkle, ganz stille Stadt über die Weidendammer Brücke, unter dem Bahnhof Friedrichstraße hindurch, bis zu den Linden, wo uns zwei ungarische Diplomaten gratulierten! Nun erreichten wir von Osten aus das Brandenburger Tor. Die Grenztruppe war seitlich zurückgewichen, und unter dem Tor wurde gefeiert. Die Menschen hatten die Mauer von Westen her überklettert. Auch wir gelangten nun, ganz benommen vom Freiheitsgefühl, unter das Tor. Sektkorken knallten, ein Extrablatt der B.Z. machte die Runde. Eine DDR-Fahne mit herausgeschnittenem Emblem wurde von mir und anderen symbolhaft in eine Fernsehkamera gehalten. Später schloß die Grenztruppe von Osten her wieder ihre Postenkette und drängte uns über die Mauer "zurück" in den Westteil. Wir halfen uns dabei gegenseitig, auch mit Hilfe von "Räuberleitern", über das Bauwerk, das für uns jeden einschüchternden Charakter verloren hatte. Am nächsten Tag ging ich zur Schule, da eine Klassenarbeit geschrieben werden mußte, und traf beunruhigend ahnungslose Lehrer und Mitschüler an, die die Tragweite der vorangegangenen Nacht noch nicht erfaßt hatten.

Patrick Neuhaus

 

 

Höhepunkte des politischen Lebens

Der 9. November 1989 und die Tage und Monate danach waren gewiß Höhepunkte in meinem (politischen ) Leben und dem meiner Freunde, die wir im Ausschuß für Deutschlandpolitik der CDU Baden-Württemberg zu der kleinen Minderheit gehörten, die "die Einheit" nie abgeschrieben und als "altmodische" Patrioten sich bis zuletzt für sie eingesetzt hatten. Nach zwanzig Jahren "Einreiseverbot" in der DDR wurde es jetzt wieder möglich, nach Leipzig zu fahren, die Heimatstadt meiner Mutter, und dort an den letzten Montagsdemonstrationen teilzunehmen sowie in "Ostberlin" wieder die alten preußischen Brennpunkte zu sehen, die ich wie meine Heimat liebe: "Unter den Linden", den Gendarmenmarkt, das Nikolaiviertel, Potsdam und die märkischen Seen. Seitdem konnten wir vieles von dem besuchen, was uns verschlossen gewesen war: Rügen, Stendal, Tangermünde und Bismarcks Schönhausen an der Elbe, Usedom, den Magdeburger Dom Kaiser Ottos des Großen, Dresdens Schätze, das Elbsandsteingebirge, den Spreewald und das unzerstörte Görlitz ganz an der neuen Grenze.

Damals blies für ein, zwei Jahre der Wind des Weltgeistes in unsere Segeln. Doch die Deutschen ergriffen die neuen Chancen zum aufrechten Gang und zum Stolz auf ihre insgesamt große Geschichte nur zögernd, besonders auch die Establishments, denen am nationalen Aufbruch vieles unheimlich war und blieb. Heut werde ich manchmal an Heimito von Doderers Zeile erinnert: "Viel ist hingesunken uns zur Trauer, und das schon zeigt die kleinste Dauer."

Klaus Hornung

Prof. Dr. Klaus Hornung lehrte Politikwissenschaften in Stuttgart-Hohenheim

 

 

Wiedervereinigung, was sonst?

Es gibt im Neuen Testament eine Stelle, die ich bis zum 9. 11. 1989 immer für etwas übertrieben hielt, obwohl ich die Bibel für Gottes Wort halte. Wenn es da heißt im Lobgesang der Maria (Lukas 1, 52): "Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen", dann hielt ich es zumindest nicht für möglich, daß ich so etwas einmal erleben würde. Und doch ist es geschehen: Die SED-Diktatoren wurden gestürzt, und wohl zu keiner Zeit in der deutschen Geschichte kamen so viele entschiedene Christen - genau sie waren es, die am meisten diskriminiert wurden - in Regierungsverantwortung wie nach 1990 in den neuen Bundesländern. Nirgendwo wird bis heute das "C" in der CDU so hochgehalten wie besonders in Sachsen und Thüringen, und eine der wenigen Christen bei den Grünen, die Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Kathrin Göring-Eckardt, kommt nicht von ungefähr aus Thüringen.

Für mich ist der Fall der Mauer ein Wunder Gottes, denn weder in Politik noch in den Kirchen hatte man noch damit gerechnet bzw. darauf hingearbeitet. Einerseits hat besonders die evangelische Kirche durch viele Partnerschaften und finanzielle Zuwendungen in Höhe von 2.000 Millionen DM (bis 1989) für den Zusammenhalt von Ost und West mehr als alle anderen Institutionen getan. Andererseits betrachteten viele Kirchenleiter die deutsche Teilung als nichtreparables Gericht Gottes nach der Tragödie des Holocaustes. Doch dann wäre Gott ungerecht gewesen, hätte er dann doch die Deutschen im Westen, die in Freiheit und Wohlstand leben konnten, bevorzugt, obwohl sie nicht weniger schuldig oder unschuldig waren als die Deutschen in der DDR.

Kaum jemand in Kirchenleitungen rechnete jedenfalls mit einer Wiedervereinigung. Es war für mich eine Fügung, daß am 3. Oktober 1989 - also genau ein Jahr vor dem Tag der Einheit - das evangelische Wochenmagazin ideaSpektrum mit der Schlagzeile ausgeliefert wurde: "Wiedervereinigung - was sonst?" Meine Kirchenleitung zitierte mich zu sich mit der Bemerkung, ein Pfarrer dürfe so etwas Rechtsradikales und Friedensgefährdendes nicht schreiben. Erst auf den Hinweis hin, daß ja dann auch das Grundgesetz verboten werden müßte, änderte man das Urteil in "rechtskonservativ" um. Wie gut zu wissen: "Gott - und nicht Menschen - sitzt im Regimente und führet alles wohl."

Helmut Matthies ist Leiter der Evangelischen Nachrichtenagentur idea.


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