© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. www.jungefreiheit.de 31/18 / 27. Juli 2018

Multikulturelle Einfalt in der multipolaren Welt
Die linksliberale Filterblase ist immer dabei: Mit „Zeit“-Redakteuren geht es auf große Fahrt nach Hongkong
Wolfgang Müller

Meerfahrt mit Don Quichote“ überschrieb Thomas Mann die Notizen seiner ersten Atlantikpassage im Mai 1934. Der ins Exil getriebene Großschriftsteller las den 300 Jahre alten Wälzer des Kollegen Cervantes als Kommentar zu den Irrwegen deutscher Politik im Zeitalter der Extreme. Wie der sinnreiche Hidalgo aus der Mancha, so hätten sich auch die Deutschen in ihrer romantischen Welt der Illusionen verloren.

Auch wer sich für eine sechswöchige Leserreise entscheidet, die das Wochenblatt Die Zeit für Anfang 2020 offeriert, sollte dieses klassische Epos über den immer wieder an der Wirklichkeit scheiternden Ritter von der traurigen Gestalt dabeihaben. Zwecks Prophylaxe, um sich nicht in den Bann moderner Ritterromane schlagen zu lassen, wie sie an Bord der „Queen Mary 2“ zwischen Hamburg und Hongkong vermutlich erzählt werden. Jedenfalls läßt der einladende Hochglanzprospekt dies befürchten. Denn das „unvergeßliche maritime Abenteuer“, den „Reisetraum durch 13 Länder“, müssen Zeit-Leser nicht allein erleben. Vier leitende Zeit-Redakteure und Korrespondenten, unter ihnen der Herausgeber Josef Joffe, stehen bereit, um ihnen für das Geschaute den „gedanklichen Überbau“ zu zimmern. Die in Hamburg-Speersort in Jahrzehnten aufgepumpte Filterblase linksliberaler Ideologie muß also niemand verlassen, dem Joffe & Co. die „neue, multipolare Weltordnung“ erklären.

Bei näherer Betrachtung erscheint das Multipolare aus Zeit-Perspektive tatsächlich recht eintönig. Denn abgesehen von den Stationen im Nahen Osten, wo es ohnehin wenig vielfältig, sondern monokulturell islamisch zugeht, wollen die journalistischen Reisebegleiter in Sri Lanka, Thailand, Malaysia und Singapur überall bunte Einfalt vermitteln. Der Generalbaß der Vorträge ist abgestimmt auf die One-World-Botschaft von der multikulturellen Harmonie in der multipolaren Welt. Wo er an Land geht, trifft der Zeit-Leser auf die „faszinierende Mischung“ der Kulturen, stehen wie in Colombo Hindutempel dicht neben buddhistischen Gebetsorten und christlichen Kirchen. Und wie in Singapur leben Menschen unterschiedlicher Herkunft „friedlich miteinander“. Daß dieser Friede die harte Hand eines autokratischen Regimes benötigt, steht nicht einmal im Kleingedruckten des Prospekts.