© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. www.jungefreiheit.de 31/18 / 27. Juli 2018

Unspektakuläre Helden
Ein Sommer des Übergangs: Carla Simóns Drama „Fridas Sommer“
Sebastian Hennig

Daß Waisenkinder von einer anderen Familie aufgenommen werden, war ehedem weder ein ungewöhnlicher noch ein seltener Vorgang. Mehr Eltern starben deutlich jünger als heutzutage und ihre Beziehung zum eigenen Nachwuchs war vor allem auf dessen Grundversorgung ausgerichtet. Für die heute übliche wechselseitige Verwurzelung im Gefühlsleben des jeweils anderen waren kaum Reserven vorhanden. Denn die Erfahrungswelten der Generationen berührten sich kaum. Carla Simóns Film „Fridas Sommer“ läßt diese Tatsache anschaulich werden. Die katalanische Filmemacherin geht dabei von ihrer eigenen tragischen Kindheitsgeschichte aus und hat den Film ihrer früh verstorbenen Mutter gewidmet. 

Der Freizügigkeit der achtziger Jahre in Spanien wurde im Jahrzehnt darauf der grausige Tribut von 21.000 Aids-Toten gezollt. Damit hatte das Land in Europa die größte Anzahl an Todesopfern der Immunschwäche zu beklagen. Doch der Film über die sechsjährige Frida (Laia Artigas) beläßt die Ursache für ihre schwierige Situation zunächst im Hintergrund. Die Handlung setzt in der leeren elterlichen Wohnung in Barcelona ein. Am nächtlichen Himmel kündet ein Feuerwerk vom festlichen Stadtleben. In der ausgeräumten Wohnung übt die in strenges Schwarz gekleidete Großmutter mit dem Mädchen das Gebet, redet über deren Mutter und erklärt ihr, daß die nun im Himmel über sie wachen wird.

Mit der Puppe im Arm sieht Frida durch das Heckfenster des Kleintransporters, wie ihre bisherige Wohnung in die Ferne zurückweicht. Die Verwandten und Freunde winken hinterher. Die Kleine fährt im Sommer 1993 aufs Land, um fortan bei ihrer Tante Marga (Bruna Cusí), Onkel Esteve (David Verdaguer) und deren kleiner Tochter Anna (Paula Robles) zu leben. Als sie am nächsten Morgen erwacht, faucht neben ihr auf der Decke ein Kater. Draußen ist das Land bereits von einer sengenden Sonne überflutet. Insekten summen und Hähne krähen.

Das junge Paar und sein kleines Mädchen lebten bislang in traulicher Unkompliziertheit vor sich hin. Nun soll auch die vom Schicksal gebeutelte Frida im Gleichlauf dieses ländlichen Lebens geborgen werden. Zu deren fragender Unruhe nach der abwesenden Mutter kommen noch andere Unbequemlichkeiten im Umgang hinzu, wie die Gefahr einer Infektion. Bei einer Verletzung Fridas beim Spielen mit anderen Kindern liefert eine Freundin der jungen Familie eine panische Szene. Im Geschäft bekommt die Waise herablassendes Mitleid zu spüren und merkt, wie über das Schicksal ihrer toten Eltern gemunkelt wird.

Die häßlichen Seiten bleiben ausgeblendet

Gegenüber der stillen und aufmerksam beobachtenden Anna wirkt Frida nervös und beinahe schon etwas ältlich. Eine zweifelhafte Kinderstube macht sich geltend, als sie gegenüber Anna die Posen ihrer Mutter nachahmt. Zu Füßen einer Statue der Jungfrau Maria legt sie eine Zigarettenpackung für ihre Mutter nieder. Anhand ihrer Puppen und Stofftiere bringt sie eine sehr materialistische Auffassung von Zuwendung zum Ausdruck. Frida legt einen schwierigen Charakter an den Tag. Die Durchtriebene bringt ihre naive jüngere Cousine sogar in eine lebensbedrohliche Lage. Eines Nachts will sie sich aus dem Haus stehlen, um ihre Mutter zu suchen, und weil sie angeblich keiner hier mag. „Ich mag dich“, erwidert Anna herzlich und bekommt von Frida dafür eine ihrer Puppen geschenkt.

Der Film verzichtet darauf, den angelegten Konflikt der Eheleute untereinander, mit der Dorfgemeinschaft und mit den Großeltern auszubauen. Er hat keinen soziologischen Ansatz. Stattdessen ist „Fridas Sommer“ ein Loblied auf unspektakuläre Helden, die nicht nachdenken über ihre entbehrungsvolle Großzügigkeit. Marga und Esteve tragen die komplizierte Situation mit Geduld. Wenig erfreut sind sie, als recht bald wieder die Tanten und Großeltern aus Barcelona zu Besuch erscheinen. Vor ihnen verleumdet Frida ihre Wohltäter. Die halten weiterhin mit unendlicher Nachsicht die häßlichen Seiten ihrer neuen Lebenslage aus. Eine unbewußte Zuversicht auf ein friedliches Auswachsen alles Schwierigen personifiziert sich in dem Wesen ihrer Tochter Anna, die wie ein barocker Engel aus einem Gemälde von Rubens erscheint.

Simóns Film zeigt, wie die einen ausbügeln, was die anderen verzapft haben. Der Film endet mit einem aus Frida herausbrechenden Weinen, das sich ohne aktuellen Grund und dennoch mit ganz tiefer Ursache entlädt. Viel gesünder ist diese Erschütterung des Inneren als das bisherige besinnungslose Starren des Mädchens. 

Filmstart 26. Juli 2018

 http://grandfilm.de/fridas-sommer