© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. www.jungefreiheit.de 31/18 / 27. Juli 2018

In dunklen Denkräumen
Eindimensionale Menschen: Das 68er-Weltbild im Spiegel der Bibliothek „Rutschky & Rutschky“
Wolfgang Müller

Alte Bücher kauft man in Berlin am günstigsten auf dem Flohmarkt gegenüber dem Bode-Museum. Genauer gesagt: beim bärbeißigen Sachsen „Schorsch“ und seinem Standnachbarn, dem Berliner Ur-Typ „Olle Heiko“. Die beiden heben sich gegen andere Buch-Mendel mit 08/15-Sortimenten dadurch scharf ab, daß sie nachgelassene Bibliotheken aus zumeist gelehrten Haushalten aufspüren, en gros erwerben und für sagenhafte ein bis drei Euro pro Band auf den Markt werfen.

So wie unlängst die Bibliothek des im März 2018 verstorbenen Schriftstellers Michael Rutschky. Zusammen mit den Büchern seiner Ehefrau, der Publizistin Katharina Rutschky (1941–2010), umfaßte die mit  „Rutschky & Rutschky“ gestempelte Sammlung rund 5.000 Bände. Für zwei professionelle Schreiber, die seit ihrer Studienzeit Geld in ihr Produktionsmittel Buch investierten, ist das kein imponierender Umfang. Bemerkenswert war an der nach drei Verkaufswochenenden in alle Winde verstreuten Bibliothek vielmehr ihr Wert als Spiegel des Bewußtseins der 68er-Generation. Als deren Repräsentanten haben sich die beiden linksliberalen Textlieferanten für Zeit & Co. stets begriffen. Entsprechend stolz sprach der „Alltagssoziologe“ Rutschky, Jahrgang 1943, gern von seinen Lehrern Adorno und Habermas. Während seine Frau unbeirrbar emanzipatorische Leistungen der 68er rühmte und gegen linke Nestbeschmutzer wie Götz Aly verteidigte. 

Federleichtes geistiges Gepäck

Frei nach Fichte – „Sage mir, was du liest und ich sage dir, was du denkst“ – wiesen die feilgebotenen Bücher im wesentlichen drei, die geistige Konstitution ihrer Konsumenten prägende Hauptmerkmale auf: 

1. Fehlende zeitliche Tiefe. Kaum fünf Prozent dieser Sammlung waren vor 1945 gedruckt worden. In Antiquariate scheinen sich beide Gegenwartsmenschen selten verirrt zu haben. Folglich überwog  der Anteil von Taschenbüchern aus den 1960ern bis 1990ern. Das würde noch nicht von Aversionen gegen Vergangenes zeugen, da damals viele Klassiker der Geschichtsschreibung, von Thukydides bis Mommsen, in günstigen Neudrucken vorlagen. Doch sie fehlten bei den Rutschkys ebenso wie ältere geistes- und sozialwissenschaftliche Standardliteratur, von Jacob Grimm und Lorenz von Stein bis zu Konrad Burdach und Max Weber.

Die jungen Erscheinungsdaten ihrer Bücher korrespondieren mithin zuverlässig mit dem rudimentären historischen Bewußtsein ihrer Besitzer. Das ist ein bisher unbeachtetes Charakteristikum des 68er-Typus, den die „Vergangenheitsbewältigung“ zum „eindimensionalen Menschen“ (Herbert Marcuse) erzog, der keinen genuin historischen, sondern lediglich einen moralischen Bezug zu einer überdies auf die NS-Ära reduzierten Geschichte fand.

2. Fehlende Breite des Wissens. Bei den Rutschkys gab es nicht einmal einen dtv-Atlas Biologie. Ob gebildet ist, wem naturwissenschaftliches Elementarwissen fehlt, ist zu bezweifeln. Richtig peinlich wird es jedoch für bekennende Linke, wenn große Lücken im Regal Desinteresse an Ökonomie und Kapitalismusanalyse verraten. Merkwürdig auch die banausische Ignoranz gegenüber Theologie, Philosophie, Recht, Musik und Kunst. Kaum etwas zur Antike bergen die Kisten, kaum etwas aus der griechischen, römischen Dichtung, keinen Homer, keinen Vergil.

Kümmerlich war es in der Kreuzberger Altbauwohnung des kinderlosen Paares auch bestellt um deutsche und europäische Weltliteratur. Im Kern konzentrierte sich eben alles auf Politologie, Soziologie, Pädagogik, Sozialpsychologie. Deren Titelinflation preßte Suhrkamp in zahllose regenbogenbunte Bändchen, die neben dem Ausstoß von Luchterhand et cetera pp. in den Kulturtapeten der Rutschkys leuchteten und aus denen sie ihre Artikel für ein Publikum kompilierten, das solche selbstreferentiellen „Verständigungstexte“ vor Regalen las, die ähnlich bestückt waren wie die ihren. 

3. Fehlende intellektuelle Neugier. Menschen, die in dunklen, engen, von 3.000 Jahre Geschichte abgeschnittenen Denkräumen „von Tag zu Tage leben“ (Goethe), fühlen sich in der Beschränkung wohl und nehmen nur wahr, was ihr „progressives“ Weltbild bestätigt. Darum verzichten solche vermeintlich „kritischen“ Köpfe darauf, sich mit kontroversen Positionen zu befassen. Also entdeckte man bei den Rutschkys kaum „reaktionäre“ Autoren. 

Angesichts eines so federleichten geistigen Gepäcks wundert es nicht, wenn die geschichtslose Gutmenschen-Generation Rutschky, die einst „emanzipative Innovationen in Richtung auf Abschaffung irrationaler Zwänge“ (Dieter Groh, 1973) erstrebte, die unter dieser kindischen Maxime in die Institutionen einmarschierte und die Deutschlands Geschicke bis heute lenkt, mit ihrer extrem irrationalen Politik des Multikulturalismus und der Masseneinwanderung ihr „demokratisches Projekt Aufklärung“ (Habermas) selbst zerstört. Ihre Utopie der „vernünftigen, herrschaftsfreien Gesellschaft“ realisiert sich morgen im Alptraum von Tribalisierung, Islamisierung, Bürgerkrieg. Was niemand von ihnen fürchtet. Auch Michael Rutschky nicht. Alles entwickle sich gut, prophezeite er kurz vor seinem Tod. Die „Integration“ kulturfremder Massen werde ein „deutsches Erfolgsmodell“. Schließlich sei es 1945 mit den „Flüchtlingen aus Ostpreußen“ ja auch gut gegangen (taz vom 19. März 2018).