© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. www.jungefreiheit.de 31/18 / 27. Juli 2018

Dorn im Auge
Christian Dorn

Endlich habe ich die Fluchtroute entdeckt, die alle Immigranten nach Deutschland führt: Sie schlüpfen durch einen Rahmen – und zwar jenen der Neurolinguistin Elisabeth Wehling, die den Begriff des politischen „Framing“ entdeckt hat. Indem der illegale Immigrant als „Flüchtling“ erscheint, kann das Gastland gar nicht anders, als Asyl zu gewähren, will es nicht als hartherzig, ja unmenschlich gelten. Leider denk ich nicht daran, als ich nachts in der Schönhauser den prominenten deutschen Jungschauspieler treffe, der um die Ecke wohnt. Sofort schalten sich die anderen ein, tatsächlich sind es zwei Paare. Der Mann der anderen bekannten Schauspielerin übernimmt die Kommunikation. Um zu verstehen, was das für eine Zeitung sei, für die ich arbeite, stellt er die bundesdeutsche Gretchenfrage: „Wie steht denn eure Zeitung zu Flüchtlingen?“ Schließlich hätten die Gastarbeiter Deutschland wieder aufgebaut. Daraufhin kapituliere ich, um die vollständige Konfrontation zu vermeiden. Kurioserweise ist es dieselbe Stelle, an der ich etwa ein Jahrzehnt zuvor dieselbe Gretchenfrage gestellt bekam. Damals lautete sie noch: „Hast du was gegen Ausländer?“ Das wäre mal ein Forschungsprojekt für die Desiderius-Erasmus-Stiftung: „Die Transformation der Gretchenfrage im bundesdeutschen Diskurs“.


Ein Diskurs ist am vergangen Wochenende auf dem schwul-lesbischen Stadtfest, wo am Eingang die Bundeswehr steht mit dem hochgewachsenen transsexuellen Oberstleutnant, der Bataillonskommandeurin Anastasia Biefang, eher nicht gefragt. Hier heißt es: Wir. Transformieren. Deutschland. Dabei ist der gesamte Festbereich von zahllosen Polizeibussen umstellt, so viele wie nie zuvor. Hauptsache, die Blase platzt nicht. Wenn doch, so am Stand „100 Prozent Mensch“, wird dem Gast, der argumentativ nicht zu besiegen ist, von der Mitarbeiterin, kurz bevor diese in Schnappatmung verfällt, ein Standverbot erteilt: „Du bist homophob.“ Wieder bin ich zu langsam, sie im Umkehrschluß „heterophob“ zu nennen. Der Aktivist am CDU-Stand mag sich damit nicht mehr aufhalten und etliche AfD-Spitzenpolitiker „gleich ins Gefängnis stecken“. Ein Flyer des Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung fordert: „Leben schützen / Abbrüche legalisieren.“ Eine wirklich „verqueere“ Logik! Bei der SPD steht eine weiße Dragqueen im knallroten Kleid, verteilt wird eine Postkarte mit der Botschaft: „Bitte keine weißen schwulen Männer“. Um sich freilich mit zwei Gender-Sternen am Ende abzusichern – damit anzeigend, daß sie wohl sternhagelblau sind.