© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. www.jungefreiheit.de 31/18 / 27. Juli 2018

Die letzten Preußen
Gleichklang von Tradition und Innovation: Bayern ist das Land der Superlative – und wird es bleiben
Bruno Bandulet

Daß in Bayern die Uhren anders gehen, erklärte Franz Josef Strauß einmal damit, daß sie anders gestellt werden. Wie also soll man Bayern, das Land und das Phänomen, auf einen Nenner bringen? Ein deutscher Sonderfall, der schon bei einer großen Frankfurter Tageszeitung für Aversionen und in Hamburger Redaktionsstuben für pathologisch antibayerische Ressentiments sorgt. Im linksgrünen Milieu gilt der Südstaat, sobald er gegen die Bundespolitik opponiert, als Störenfried – in linksradikalen Kreisen gar als Hort der Reaktion. Und alle setzen sie Bayern mehr oder weniger gleich mit der Staatspartei CSU.

 Da schwingt immer auch Neid mit. Objektiv betrachtet ist Bayern das Land der Superlative. In keinem anderen Bundesland wuchs die Wirtschaft in den vergangenen 20 Jahren schneller als in Bayern – selbst Baden-Württemberg liegt deutlich zurück. Fast ein Drittel der deutschen Patentanmeldungen entfiel 2017 auf Bayern. Die Arbeitslosenquote ist mit drei Prozent die niedrigste in Deutschland. Seit Jahren macht die Staatsregierung keine Schulden mehr und bestreitet auch noch den Löwenanteil des innerdeutschen Finanzausgleichs. Und nicht zuletzt lebt es sich zwischen Aschaffenburg und Freilassing sicherer als im Rest Deutschlands. Die Straftaten relativ zur Bevölkerung liegen weit unter dem Bundesdurchschnitt – auch dies ein Verdienst der politischen Führung, zu deren Prioritäten falsche Toleranz nie zählte. Als Strauß Ministerpräsident wurde, ließ er den Münchner Polizeipräsidenten zu sich kommen und versicherte ihm, er werde sich immer auf seine Rückendeckung verlassen können.

„Wir Bayern müssen bereit sein, wenn die Geschichte es erfordert, notfalls die letzten Preußen zu werden“, verkündete Strauß am 9. Januar 1974. Ein nationaler Anspruch, der dreimal mit dem Machtzentrum in Bonn und dann in Berlin kollidierte. 1972, als der Freistaat gegen den mit der DDR abgeschlossenen Grundlagenvertrag in Karlsruhe klagte – mit dem Urteil vom 31. Juli 1973 blieb der Weg zur Wiedervereinigung juristisch offen. Dann in den neunziger Jahren, als Ministerpräsident Edmund Stoiber gegen den Vertrag von Maastricht und den Euro Stellung bezog – und am Ende im Bundesrat doch zustimmte. Und zuletzt seit 2015, als sich Seehofer gegen Merkel und ihre Politik der offenen Grenzen stellte.

Bleibt die Frage nach dem Geheimnis des bayerischen Erfolgs, des Wandels vom unterentwickelten Agrarland zum Spitzenstandort von Industrie und Wissenschaft. Den ersten Impuls gab die deutsche Teilung nach 1945, als Konzerne wie Siemens und die Allianz von Berlin nach München umzogen. Unter den Ministerpräsidenten Alfons Goppel (1962–1978) und Franz Josef Strauß (1978–1988) entstand das Bayern, wie wir es kennen – dank einer weitsichtigen Industriepolitik der Staatsregierung, einer effizienten Verwaltung, des Gleichklangs von Innovation und Tradition und eines Volkes, dessen Bodenständigkeit der Modernisierung und den Chancen der Globalisierung nie im Wege stand.

Es war Strauß, der gegen viele Widerstände auch aus der CDU den Aufbau einer eigenen deutschen Rüstungs- und Luftfahrtindustrie durchsetzte. Er holte Ludwig Bölkow von Stuttgart nach München, er stand hinter der Gründung von Messerschmitt-Bölkow-Blohm in Ottobrunn. MBB wiederum hielt die Mehrheit an der deutschen Airbus GmbH, und 1970 entstand die Airbus Industrie mit französischer Beteiligung. Es wurde eine große, vielleicht die größte europäische Erfolgsgeschichte. Strauß übernahm den Vorsitz des Aufsichtsrates und behielt ihn bis zu seinem Tod 1988.

Strauß war ersetzbar, wenn auch nicht mit Nachfolgern desselben Kalibers. Aber wer sollte die CSU aus der Bayerischen Staatskanzlei unter dem sanierten Kuppelbau des ehemaligen Armeemuseums vertreiben? Der letzte wirklich gefährliche Gegner war die Bayernpartei. Bei der Bundestagswahl 1949 eroberte sie fast flächendeckend Ober- und Niederbayern und schnitt selbst in Franken stark ab. Sie wurde mit ziemlich robusten Methoden bekämpft und ausgeschaltet. Und nach dem sozialdemokratischen Interregnum von 1954 bis 1957 unter Ministerpräsident Wilhelm Hoegner, der eine bunte Koalition aller CSU-Gegner hinter sich geschart hatte, konnte sich die CSU in einem Maße mit Bayern identifizieren, daß sie nie mehr abgewählt werden konnte – ob mit oder ohne absolute Mehrheit. Letztere ist zwar bei den Wahlen im Herbst außer Reichweite, aber der Einzug der AfD in den Landtag wird eine Neuauflage von 1954 verhindern.

Markus Söder, im Grunde kein Konservativer, sondern ein Macher mit Neigung zum Revoluzzertum, weiß sehr wohl, daß Angela Merkel ihm den Wahlkampf verhagelt hat. Sie hätte ja den durchweg moderaten Masterplan Seehofers nur durchzuwinken brauchen. Die zur Zwangsehe entartete Vernunftehe mit der Schwesterpartei ist zur Belastung für die CSU geworden. Strauß selbst hielt es immer für eine Bedingung der Fraktionsgemeinschaft, daß die CDU nie Grundsatzentscheidungen gegen die CSU treffen dürfe.

Eben dies hat die Merkel-Partei ihrem Partner mehr als einmal zugemutet. Die CSU-Führung wird daraus nicht die Konsequenz einer bundesweiten Ausdehnung ziehen. Ob die Fraktionsgemeinschaft auf lange Sicht sakrosankt bleibt, ist nicht so sicher. Sie beschädigt jetzt schon Selbstbewußtsein und Manövrierfähigkeit der CSU. Ein Dilemma, das Karl Valentin so auf den Punkt gebracht hätte: „Mögen hätte ich schon wollen, aber dürfen habe ich mich nicht getraut.“






Dr. Bruno Bandulet war Chef vom Dienst bei der Welt und Vize-Chefredakteur bei der Quick. Der Buchautor ist Herausgeber des „Deutschland-Briefs“ (erscheint in dem Magazin Eigentümlich frei).