© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. www.jungefreiheit.de 49/15 / 27. November 2015

Kein Ja-Sager
Laudatio auf den Ehrenpreisträger: Der Publizist Matthias Matussek würdigte das Lebenswerk von Heimo Schwilk
Matthias Matussek

Es braucht Risikobereitschaft und Mut, um für die Wahrheit einzustehen, und es braucht den inneren Kompaß, um sich im Gefechtsfeld der öffentlichen Meinungen und Diskurse zu behaupten.

Hacken eingraben, hier stehe ich und ich kann nicht anders. Zum Beispiel zur Frage der Nation. Ihr Sammelband „Die selbstbewußte Nation“ 1995 war ein Manifest. Ein folgerichtiger nächster Schritt. Sie ließen sich entzünden durch Botho Strauß. Sein „Anschwellender Bocksgesang“ brach in die banale Spieleshow des wiedervereinten Deutschlands herein wie ein antiker Chor, denn Strauß hatte begriffen, was sich tektonisch da verschoben hatte in unserer Erinnerungskultur. Und welche Dimension die neue, nämlich die nationale Frage, hatte und haben wird, damals in ganz Osteuropa, und heute immer noch dort, die nationale Frage, die auch eine der Sprache und Kultur und Religion ist, eine, die im innersten Kern eine mythologische ist und die damals eher mit dem Sensorium des einzelnen, des Dichters erspürt werden konnte.

Sie, lieber Schwilk, haben diesen komplexen, diesen facettenreichen Essay gelesen als Rückbesinnung auf das Eigene. Die alten Dinge sind nicht tot, schreibt Strauß, der einzelne wie der Volkszugehörige ist nicht einfach nur von heute, das kann man unserer Gegenwartsidiotengesellschaft nicht oft genug um die Ohren hauen.

Ja, Botho Strauß’ „Anschwellender Bocksgesang“ kann heute, in der Zeit der Flüchtlingsströme und der zu erwartenden Parallelgesellschaften und des religiösen Terrors, erst recht als Orakel gelesen werden.

Wer die anderen sind, erkennen wir sehr gut. Nur: Wer sind wir? Das ist die entscheidende Frage. Wo hinein sollen sich die Ankömmlinge integrieren? Das ist die Frage der Stunde

Damals, als Strauß in diesen Hühnerhaufen aus Feuilletonisten hineingestoßen ist, in diese Party gutgelaunter Vergangenheitsbewältiger und Konsumenten, wurde ein Tabu gebrochen. Es betraf die Nation, die sich ihren Eumeniden stellen soll und auf die Götter hoffen. Und dem Eigenen, es gibt kein schöneres Wort dafür, mit freundlicher Zugehörigkeit begegnen sollte.

„Zuweilen“, schrieb Strauß, „sollte man prüfen, was an der Toleranz echt und selbstständig ist und was sich davon dem verklemmten deutschen Selbsthaß verdankt, der die Fremden willkommen heißt, damit hier, in seinem verhaßten Vaterland, sich die Verhältnisse endlich zu jener berühmten, das heißt „faschistoiden“ Kenntlichkeit entpuppen, (jeder kann sich hier seine Wunschformation einsetzen), wie es einst (und heimlich wohl bleibend) in der Verbrecher-Dialektik des linken Terrors hieß“.

Sie, Heimo Schwilk, haben diesen facettenreichen und in der „aufgeklärten“ Presse wütend attackierten Essay aufgenommen und die verständigsten Publizisten des Landes zu einem polyphonen Auslegungs- und Ergänzungskonzert in dem Band „Die selbstbewußte Nation“ versammelt, von Martin Walser bis Rüdiger Safranski, von Syberberg bis Ernst Nolte.

Ich selber hatte noch 2006 mit meinem Büchlein „Wir Deutschen“ und der Aufforderung, zu einem neuen Nachdenken über Patriotismus die Spiegel-Kollegen bis zur Weißglut gereizt, einer von denen, ein DKP-Geschulter rief mir in der Konferenz zu „Halt endlich deine Fresse“, linke Diskussionskultur eben ..., ja genau, Cordt Schnibben, die Kanaille, aber da wimmelten die Straßen gerade von jungen hübschen Frauen und Familienvätern im sogenannten „Sommermärchen“, mit schwarzrotgoldenen Fähnchen in der Hand, offenbar gab es einen immensen Nachholbedarf nach diesen Symbolen, dieser nationalen Identifikation.

Es war ein hübsches, aber oberflächliches Friedensspektakel.

Und heute? Im Angesicht des fortschreitenden Terrors – alle Sicherheitsexperten sind sich einig, daß wir erst am Anfang stehen – lesen sich jene alten Zeilen von Botho Strauß noch einmal ganz anders und neu, zum Beispiel diese: „Von der Gestalt der künftigen Tragödien wissen wir nichts. Wir hören nur den lauter werdenden Mysterienlärm, den Bocksgesang in der Tiefe unseres Handelns.“

Nicht alle hören dies. Einstweilen protestieren unsere verwirrten Multikulti-Freunde, die sich so ahnungslos vor der Wucht des jeweils Eigenen zeigen; einstweilen protestieren unsere mondän Globalisierten gegen den Terror mit einer Bekräftigung der Begrüßungskultur und mit dem furchtlosen Bekenntnis zum Restaurantbesuch im Feinschmecker-Paris, im Feuilleton der FAS ist es das „Le Procop“, wo einst Diderot seinen gesottenen Kalbskopf zu sich genommen hat.

Die anderen schwören, daß sie in die Bundesligastadien strömen werden. „Wenn auch irgendwo mit so‘nem komischen Gefühl“, sagte ein Fan dem besorgten öffentlich-rechtlichen Reporter für seine hautnahe Krisen-, um nicht zu sagen Kriegsreportage.

Die Befragte war übrigens eine von unten, da wo das „Pack“ wohnt.

Über einen, der im „Bocksgesang“ beschworen wird als Prophet, der die Wiederkehr der Götter vorausahnt, über Ernst Jünger, haben Sie, Heimo Schwilk, 2007 Ihr zu Recht hymnisch gefeiertes Opus magnum verfaßt. Zehn Jahre lang haben Sie daran gesessen. Die monumentale Biographie über den Dichter und Kämpfer Ernst Jünger und sein Jahrhundert.

Von der Kaiserzeit über die Weltkriege und den totalitären Irrsinn zur wiedererstandenen Republik, die aufwuchs und Fehler machte, Ernst Jünger konnte durchaus freundlich großväterlich darauf schauen, bisweilen auch mit aristokratischer Verachtung, mal war er Mode, mal wieder nicht, aber er blieb neugierig, ich sage nur: LSD

Wie aber, fragt sich da der Journalist, schafft man das? Ich zitiere aus dem Vorwort: „Einen Schriftsteller zu seinem Leben und Werk zu befragen, dessen berühmte Maxime lautet: ‘Wer sich selbst kommentiert, geht unter sein Niveau’, ist nicht leicht“.

Wie wahr. Doch schließlich vertraute Jünger Ihnen, lieber Heimo Schwilk, seine Korrespondenzen und Autographen an, seine Archive, und legte Wert darauf, daß Sie bei allen Familienfesten und Ehrungen dabei waren.

Jünger muß gespürt haben, daß Sie kein Ja-Sager sind, da lag eine Art Seelenverwandtschaft vor.

Ich hatte eingangs von Heimo Schwilks innerem Kompaß gesprochen. Ich vermute ihn im Bereich des Glaubens, auch in der frühen Prägung in Hesses Kloster „Maulbronn“. Es scheint was Wildes und Unabhängiges dort zu geben, wo es um den Glauben geht.

Jetzt hat sich unser verehrter Heimo Schwilk einen neuen Träger seines andauernden Selbstgesprächs ausgesucht, denn das sind Biographien ja auch immer. Er hat sich Martin Luther vorgenommen, auch ökonomisch macht das natürlich derzeit Sinn.

Doch ich schwöre, daß Heimo Schwilk am Ende dieser Arbeit in seinen Reflexionen über die letzten Fragen ein anderer sein wird.

Er hat mir die ersten Seiten gegeben, und schon die reißen hin.






Matthias Matussek hat das Kulturressort des Spiegels geleitet. Er war Welt-Autor und wurde als Online-Journalist des Jahres ausgezeichnet. Matussek publizierte zahlreiche Bücher, darunter „Die vaterlose Gesellschaft (1989), „Wir Deutschen“ (2006) und „Das katholische Abenteuer“ (2011) – allesamt Bestseller.