© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co.  www.jungefreiheit.de  09/08 22. Februar 2008

Nachrichten sind keine kaputten Eier
Medien: Der britische Finanzinvestor David Montgomery sieht im Journalismus eine Revolution heraufziehen
Andreas Wild

Groteske Kunde kommt von dem britischen Finanzinvestor und Medienunternehmer David Montgomery (59), zu dessen internationalem Zeitungskonzern Mecom auch die Berliner Zeitung gehört. In einem vorab bekanntgemachten Interview in der März-Ausgabe des Magazins Cicero verlautbart er, "moderne" Journalisten müßten künftig ihre Inhalte mehrfach verwerten. "Die Zeiten, da ein einzelner Journalist eine einzelne Information für ein einzelnes Medium darbietet, sind vorbei. Deswegen sage ich den deutschen Journalisten: Euch wird es genauso gehen wie allen Journalisten auf der Welt: Eure Jobs werden revolutioniert."

Wie stellt sich denn Montgomery die Revolution per Mehrfachverwertung vor? Journalisten handeln, um im Stil der Investment-Heuschrecke zu sprechen, mit hochverderblicher Ware, die in faktisch sämtlichen Fällen nur ein einziges Mal angeboten werden kann, weil sie anschließend sofort zum Allgemeingut wird. Was heißt denn da, der Journalist soll seine "Inhalte" mehrfach "darbieten"? Das wäre doch so, als ob man ein aufgeschlagenes Ei noch unzählige weitere Male verkaufen könnte. Verrückt!

Der Gedanke macht an sich nur (schlimmen) Sinn, wenn Montgomery damit meint: "Ich schmeiße demnächst alle Redakteure der Berliner Zeitung raus, lasse nur noch einen Chefredakteur und zwei, drei Assistenten zum Reinstellen der Beiträge übrig, die dann die angebotenen Inhalte der Freigesetzten gnädig entgegennehmen (oder auch nicht). Und danach können die Freigesetzten versuchen, ihre Inhalte anderswo noch einmal darzubieten."

Wie eine Zeitung von solcher Struktur aussehen würde, kann man sich leicht vorstellen. Kein Leser würde das Ding mehr kaufen wollen. Gut zu verstehen, daß die Redakteure der Berliner Zeitung schon vergangene Woche Montgomery in einem Brief geschlossen aufgefordert haben, er solle seine "aktuelle Geschäftspolitik überdenken" und sie doch, bitte, bitte, so schnell wie möglich an einen anderen Verleger verkaufen, der mehr Ahnung vom Journalismus hat. Da wußten sie noch gar nichts von dem Cicero-Interview. Aber sie sagten sich wohl, frei nach Berliner Schnauze: "Dir Aas kenn ick."

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