© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co.  www.jungefreiheit.de    31-32/00 28. Juli / 04. August 2000

 
Ein Teil vom Felsen Petri
Nachruf: Zum Tod des Fuldaer Erzbischofs Johannes Dyba
Martin Hohmann

Erzbischof Johannes Dyba ist am vergangenen Sonntag gestorben. Als er morgens zur gewöhnlichen Zeit nicht erschien, war ärztliche Kunst vergebens und nur noch der Todeszeitpunkt auf die frühen Morgenstunden lokalisierbar. Herztod. Plötzlich und unerwartet. Soeben hatte er noch eine heftige Kontroverse mit seiner Kritik am rot-grünen Plan der Homo-Ehe und seiner Äußerung von den "importierten Lustknaben" hervorgerufen. Soeben prasselte die Gegenkritik von Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen) bis Guido Westerwelle (FDP) auf ihn herunter. Und nun Funkstille. Es ist fast, als wolle er seine nicht wenigen Gegner ein letztes Mal verblüffen.

Gegner hatte er nicht wenige innerhalb und außerhalb der katholischen Kirche. Freunde, Anhänger, ja glühende Verehrer hatte er auch, und die dürften sogar in der Überzahl gewesen sein. Sie nehmen, während dies geschrieben wird, in einem langen Defilee an seinem offenen Sarg vorbei Abschied. Sie werden am Freitag bei seinem Begräbnis nicht nur den Fuldaer Dom, sondern auch den Domplatz füllen.

Woran lag es, daß er die Menschen nicht gleichgültig ließ, sondern in zwei Lager schied? Er selbst war kein Lauer, er war ein Streiter. Er suchte die Öffentlichkeit. Talkshows, die großen Tageszeitungen bis hin zur Bild-Zeitung waren für ihn Bühne und Sprachrohr. Mit bübischem Schalk und nicht ohne Stolz bezeichnete er sich als "Spiegel-Autor", hat doch ausgerechnet er, der konservativste aller deutschen Bischöfe, im links-liberalen Hamburger Wochenblatt mehrfach über ganze Seiten seine Weltsicht darstellen können. In sein Temperament mischte sich heiliger Zorn, wenn er zentrale christliche Werte in Gefahr sah. "Axt Gottes", diesen Titel verlieh man ihm in der Publizistik in Anspielung auf den hl. Bonifatius, der zu seiner Zeit die Donareiche gefällt hatte und dessen Grab der Fuldaer Dom beherbergt. Als "Primas von Deutschland" empfanden ihn nicht wenige Christen, weil er unbeugsam und unbequem die Glaubenswahrheiten unverkürzt in die moderne Welt hinausrief.

Sein Hauptangriffspunkt war das Monstrum der deutschen Abtreibungsregelung. Sie widerspricht diametral
einer "Kultur des Lebens". Sie widerspricht dem göttlichen Gebot: "Du sollst nicht morden". Sie verkehrt die Schöpfungsordnung, nach der Gott allein Herr über Leben und Tod und jedes Leben gottgewollt ist. War schon deswegen sein erbitterter Widerstand angesagt, so erzürnte ihn zusätzlich die Einbindung der Kirche in den staatlichen Abtreibungsmechanismus. Die Kirche, keinesfalls die katholische, durfte aus seiner Sicht als moralisches Feigenblatt dienen und "Tötungslizenzen" mit der Vergabe des Beratungsscheines ausstellen. Als sich Bischof Dyba im deutschen Episkopat mit Hilfe des Papstes endlich durchgesetzt hatte, war ihm dies kein Anlaß für Triumph, sondern lediglich selbstverständliche Pflichterfüllung. Zumal eine neu gegründete Laiengruppierung mit dem Namen "Donum Vitae" (Geschenk des Lebens) die päpstliche Ausstiegsorder nur auf kirchliche Amtsträger, nicht aber auf Laien bezieht und weiter Beratungsscheine ausstellen will. "Donum mortis" (Geschenk des Todes) wäre der richtige Name, so donnerte es aus Fulda.

Er scheute sich auch nicht, Köder und Schmiermittel der reibungslosen kirchlichen Einbindung offen zu legen. Pro Beratungsschein überweist der Staat 150 Mark. Solche zur Abtreibung berechtigten Beratungen gibt es in Fulda seit 1995 nicht mehr. Entgegen hartnäckig verbreiteten Gerüchten ist aber die allgemeine Schwangerenberatung im Bistum Fulda nicht zusammengebrochen.

Für Dyba war Kirche
eine moralische Instanz

Im Gegenteil: Die Zahl der Beratungsfälle nahm ständig zu und ein spezieller bischöflicher Hilfsfonds hat an Mütter in Not mehrere Millionen Mark verausgabt, berichtete Dyba stolz. Zudem sei beim Verbleib im staatlichen Abtreibungssystem die Eindeutigkeit des kirchlichen Bekenntnisses und die Stellung der Kirche als moralische Instanz gefährdet. Im vertraulichen Gespräch zog Dyba den Vergleich zur Hexenverfolgung. Es nütze der Kirche heute nichts, daß damals die eine oder andere "Hexe" freigesprochen und damit gerettet wurde. Ebensowenig ziehe heute der Hinweis auf mögliche Rettung einzelner Kinderleben bei kirchlicher Beratung mit Scheinvergabe. Moralisch unzweideutig sei damals wie heute nur der totale Ausstieg. Bemerkenswert für Dyba, daß gerade diejenigen, die der Kirche ein Versagen durch Anpassung in der Vergangenheit vorwerfen, heute lauthals ihre Anpassung an den modernen Zeitgeist verlangen.

Mit der weltweit einmaligen Einbindung der Kirche in eine staatliche Abtreibungsregelung stand für Dyba auch der Aspekt der Einheit der katholischen Kirche als Papstkirche und als Weltkirche auf dem Spiel. Für Dyba war es eine Horrorvorstellung, die katholische Kirche könne, nachdem sich 300 evangelische Kirchen gebildet haben, als 301. dazukommen. Außerdem kennt keiner seiner deutschen Amtsbrüder die Weltkirche so wie Dyba. Einundzwanzig Jahre war er im diplomatischen Dienst des Vatikans tätig. Dabei lernte er die apostolischen Nuntiaturen in Buenos Aires, Den Haag, Kinshasa und Kairo kennen. Später vertrat er den hl. Stuhl in Westafrika. Liberia, Gambia, Guinea und Sierra Leone waren die Stationen. Berichtete er über seine Zeit in den Haag, zogen Sorgenfalten auf seine Stirn. Erst verfiel die holländische Kirche dem anpasserischen Modernismus, jetzt werden dort mit staatlicher Duldung alte Menschen - auch gegen ihren Willen - umgebracht. Erzählte er über diese Zeit, spiegelten seine Augen die Begeisterung der dortigen Christen wider.

Was im Pulverdampf der öffentlichen Gefechte mit und um Dyba auf der Strecke blieb, ist sein Hauptanliegen. Ihm ging es um die Glaubenssubstanz: "Wir sind Erlöste. Wir haben nach einem Leben nach Gottes Gebot die unveräußerliche Hoffnung auf die ewige Seligkeit. Deswegen ist der Glaube für uns Quelle der Freude." Freude und Begeisterung, das sind Zentralbegriffe seiner Predigten.

Vielen hat er mit seinen Predigten Mut gemacht

Man muß ihn als Prediger erlebt haben. Ruhig, eindringlich, die Stimme geschickt modulierend, Witz und Humor nicht auslassend, in der Sache, im Kern immer glasklar und für alle verständlich. Vierzehnjährige Firmlinge in der Dorfkirche lauschten ihrem Bischof ebenso gebannt wie die Gläubigen aller Altersgruppen im vollbesetzen Fuldaer Dom. Kein Räuspern, kein ungeduldiges Herumrutschen bei den Zuhörern. Dyba wußte den Spannungsbogen bis zum letzten Wort der regelmäßig eher kurzen Predigten zu halten. "Der lebendige Gott ist da. Er hört jeden, der ihn ruft und ihm vertraut. Jeder Mensch ist von Gott akzeptiert und unendlich geliebt." Das waren seine Kernsätze. Dem entsprach sein Leitwort: "filii dei sumus - Kinder Gottes sind wir." Vielen hat er mit seinen Worten Mut gemacht.

Der Mutmacher Dyba kannte keine konfessionellen Grenzen. Viele Dankesbriefe und Ermunterungen erhielt er von evangelischen Christen. Sie bewunderten seine unzweideutige Haltung zur Abtreibung und zur modischen Neubewertung der Homosexualität. Die atemberaubende Karriere der Homosexualität vom Straftatbestand zum Gegenstand staatlicher Fürsorge mit faktischer Gleichstellung zur Ehe in nur 30 Jahren verschlägt manchem die Sprache und den Mut zum Widerspruch. Wenn Dyba sie als sittlich verwerflich, als Sünde und gegen das Gesetz der Natur brandmarkte, blieb er schlicht der kirchlichen Lehre treu. Zugleich bewegte ihn die Sorge, ob unsere Gesellschaft nicht durch Minderheitenkult, zunehmenden Individualismus, Ansteigen der "unfruchtbaren Lebensverhältnisse" zu einer Ansammlung "alternder Egoisten" verkomme. Die abgesicherte demographische Schätzung von noch 30 Millionen Deutschen im Jahre 2100 gibt ihm in brutaler Weise recht. Nur hat die deutsche Politik hiervon noch keine offizielle Kenntnis genommen.

Wie war dieser Streiter, Kämpfer und liebste Watschenmann der Modernisierer und Liberalisierer nun im persönlich menschlichen Bereich? Gerade Frauen, die wegen seiner unzweideutigen Ablehnung des Frauenpriestertums ihm mit gemischten Gefühlen entgegentreten, sind verblüfft. Sie schildern ihn übereinstimmend als charmanten, witzigen Unterhalter und zuvorkommenden Gastgeber. Auch ideologische Gegner bezeichnen ihn als liebenswürdigen Gesprächspartner.

Als Militärbischof mischte er sich ohne Berührungsängste mit dem gefüllten Bierglas unter die Soldaten und war für jedermann ansprechbar. Das Angebot eines kurzen Gastdirigats bei der Militärkapelle schlug er nicht aus. Hier mischten sich wohl das Wissen um volkstümliche Wirkung und sein durchaus vorhandenener Drang zum Lenken und Leiten. Sein Hobby war das Sammeln. Zum einen hat er sich eine in Ansätzen vom Vater übernommene Sammlung alter Briefumschläge mit Frankatur und Stempelung aufgebaut. Ab dem Mai 1840 kann jeder Monat mit einem frankierten, gestempelten Umschlag aus aller Herren Länder belegt werden. Abgerundet wird diese Sammlung durch lithografierte Postkarten aus der Zeit um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Zur Entspannung zwischendurch spielte er auch gern mit seinem Sekretär eine Runde Billiard.

Angst vor dem Tod? Die hat er nicht gekannt. Das Bewußtsein, im Alter von 70 Jahren demnächst seinem Schöpfer gegenüber zu treten, hat ihn nicht geschreckt, sondern eher zu noch mehr Unzweideutigkeit im Bekenntnis angestachelt. Wie sein Namenspatron Johannes sah er sich als moderner "Rufer in der Wüste". Daß sein Bistum glaubensmäßig eher einer Oase glich, zeigen auch die 15.000 Besucher seines Pontifikalamtes beim diesjährigen Bonifatiusfest. Die Schlußworte seiner Predigt klingen aus heutiger Sicht wie ein Vermächtnis: "Credo, Credo, Credo".

 

Martin Hohmann, 52, ist seit 1998 Mitglied des Deutschen Bundestages. Der in Fulda geborene, römisch-katholische CDU-Politiker wurde im Wahlkreis 132 (Fulda) mit 49,5 Prozent der Stimmen direkt gewählt.


 
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